Zukunft der Energieversorgung: Fremdgesteuert und fossil

Energiekonzepte | Smart Energy | Wie entwickelt sich das globale Energiesystem bis zum Jahr 2050? Auf diese schwierige Frage gibt es keine eindeutige Antwort. Aber wir können alternative Entwicklungen beschreiben – genau das tun wir mit unserer Foresight-Serie. In unserem zweiten Szenario wird das Energiesystem der Welt zentral gesteuert – allerdings stammt der Strom nicht aus erneuerbaren Energien, sondern von hochentwickelten Kohlekraftwerken. Die Auswirkungen des Klimawandels sind in dieser alternativen Zukunft sehr ungleich verteilt und werden vom Großteil der Menschen in Kauf genommen.

Montagmorgens ist die Welt im kalifornischen Springville nach wie vor ganz in Ordnung. Auch wenn die 14-jährige Matilda etwas verärgert ist, dass sie ihre weiße Lieblingsmütze am heutigen Schultag nicht aufziehen kann. „Du weißt doch, dass wir erst am Mittwoch waschen können“, seufzt ihre Mutter. „Wir alle müssen eben ein bisschen mehr mitdenken, so ist das heutzutage.“

Etwas gehetzt verlässt Matilda das Haus, um den E-Schulbus noch rechtzeitig zu erreichen, der ein paar hundert Meter die Straße herunter hält. Als ihre Freundin ihr textet, dass heute wieder so ein Typ von den „Kohle-Idioten“ ihre Klasse besuchen werde, fällt Matildas Laune auf den Tiefpunkt. „Statt zu reden, sollen die lieber dafür sorgen, dass unsere Waschmaschine läuft wann ich will…“, tippt sie hastig in ihr Smartphone, ehe sie in den Bus steigt.

Billiger Kohlestrom vom „braunen Giganten“

„Wir konnten den Wirkungsgrad dank neuer Kraftwerkstypen deutlich steigern und haben alle Konkurrenten wie Wind und Sonne aus dem Feld geschlagen – nur darum haben eure Eltern heute diese superbillige Strom-Flatrate“, berichtet Chester McMurphy, der UN-Direktor für globale Energiefragen, Matildas Schulklasse. Wie jedes Jahr ist er wieder auf Goodwill-Tour durch die USA und besucht dabei täglich mindestens zwei Highschools.

Ein bisschen Wohlwollen hatte er auch dringend nötig: Immer lauter wurden die Beschwerden der Kunden. Die Stromproduktion konnte mit dem Verbrauch nicht mehr mithalten, weshalb der „braune Gigant“ – so der Spitzname der Energie-UN – seit einem Jahr darüber entscheidet, wer wann seine Waschmaschine starten oder sein Elektroauto nachladen muss. Populär ist das nicht, obwohl sich eigentlich niemand über einen niedrigen Lebensstandard beklagen kann. Echte Sorgen muss sich McMurphy ohnehin nicht machen: Der Energiemarkt ist so gut geschützt, dass sich nur selten neue Spieler finden, die ihm Konkurrenz machen.

Klimawandel ist kein Thema mehr

„Und was ist mit dem Klimawandel?“, fragt Matilda mit kritischem Blick. „Sind nicht ganze Länder deswegen im Meer versunken?“ In jeder Klasse kommt diese Frage, und McMurphy hat natürlich längst eine Antwort parat. „Kommt schon, es sind bloß die Niederlande“, scherzt er und hat auch heute wieder die Lacher auf seiner Seite.

Protest war kaum zu erwarten, hatte man sich doch an die begrenzten Auswirkungen der Erderwärmung gewöhnt, die nur sehr lokal zum Problem geworden waren. Außerdem wurde den Niederländern ein sehr schönes Fleckchen in Kasachstan als neue Heimat zur Verfügung gestellt. Überhaupt fragen sich viele: Erst haben wir diese mächtige Energie-UN gegründet, und dann war der Klimawandel doch nur halb so schlimm. War das vielleicht nur viel Lärm um nichts?

Die Zukunft des Energiesystems – ein Foresight-Projekt von thyssenkrupp

Unser hier gezeigtes Szenario einer zentral regulierten Energieversorgung auf Basis fossiler Rohstoffe ist nur eine mögliche Zukunftsvision unserer Arbeit. Im Rahmen unseres Foresight-Prozesses haben unsere Experten Entwürfe ganz unterschiedlicher Zukünfte entwickelt. Sie beschreiben Zukunftswelten, die genauso eintreten könnten. Das heißt nicht, dass sie genauso eintreten werden. Es ist auch nicht so, dass unser aus vielen verschiedenen Fachexperten bestehende Foresight-Team bestimmte Szenarien bevorzugen würde. Wichtig ist ihnen allein, dass wir verstehen, was werden könnte – und so entscheiden zu können, wohin der Weg gehen soll. So ermöglicht die Foresight-Arbeit, unsere Zukunft aktiv zu gestalten.

„Die Foresight-Arbeit ist kontinuierlicher Prozess“

Die Komfortzone verlassen und über den Tellerrand hinausblicken: Dazu lädt der Foresight-Prozess ein. Das hier behandelte Thema „Zukunft der Fertigung“ war nur eines von mehreren großen Themen, die das Foresight-Team in den vergangenen Jahren behandelt hat. Dazu gehören „Mobilität auf der letzten Meile“, „Wassermanagement“ und „Megacitys der Zukunft“. Das ist aber nur der Anfang, erklärt Andreas Meschede, Innovationsmanager bei thyssenkrupp: „Der Foresight-Prozess geht kontinuierlich weiter, und wir werden in Zukunft sicher weitere Themen hinzufügen.“

Über den Tellerrand hinausblicken

Ganz zu Beginn der Foresight-Arbeit hatte das Team zunächst 21 Felder identifiziert, auf denen die Experten in Zukunft mit spürbaren Veränderungen rechnen – etwa Energie und Rohstoffe. „In einem Workshop bewerteten unsere Strategie- und die Entwicklungschefs der Geschäftsfelder die Themen zunächst.

Bei der Foresight-Arbeit lädt Andreas Meschede Kollegen aus allen Fachbereichen ein. Einzige Voraussetzungen: eine eigene Meinung und ein gewisser fachlicher Bezug zum Thema.

Bei der Foresight-Arbeit lädt Andreas Meschede Kollegen aus allen Fachbereichen ein. Einzige Voraussetzungen: eine eigene Meinung und ein gewisser fachlicher Bezug zum Thema.

Im zweiten Schritt verteilten sie Gelder aus einem virtuellen Entwicklungsbudget auf die einzelnen Themen, um so jene Gebiete mit dem größten Einfluss auf die bestehenden Geschäftsfelder zu identifizieren. Die Teilnehmer hatten zudem eine gewisse Summe zu Verfügung, die sie wie ein Risikokapitalgeber in ein ganz neues Gebiet investieren konnten. „Während Produktion und Mobilität die meistgewählten Themen in der ersten Gruppe waren, gewannen Landwirtschaft und Wasser-Management die zweite Gruppe.

Mit klarer Methodik zum Zukunftsszenario

Hinter den einzelnen Szenarios steht eine klare Methodik. „Zunächst bestimmen wir in Workshops die zentralen Einflussfaktoren für ein bestimmtes Thema. Das können weniger als zehn oder 15 einzelne Faktoren sein, darunter beispielsweise Technologie, Ausbildung oder Datenmanagement“, erklärt Andreas Meschede. „Im nächsten Schritt entwickeln wir drei bis fünf verschiedene Richtungen, in die sich jeder dieser Einflussfaktoren – unabhängig von allen anderen – entwickeln könnte. So erhalten wir je nach Zahl der Faktoren mehrere Dutzend Projektionen.“

Diese Projektionen sind die Zutaten für die Szenarien. Was fehlt, ist das Rezept, um sie zusammenzubringen. „Um herauszufinden, welche Projektionen zusammenpassen, müssen wir überprüfen, ob sie jeweils kompatibel sind. Das schaffen wir, indem wir Projektionen paarweise auswerten: Je besser die Übereinstimmung, desto höher stufen wir diese Kombination ein. Dieses Ranking ist die Grundlage für Algortihmen, mit denen wir aus den vielen Möglichkeiten verschiedene einheitliche ‚Projektions-Pakete‘ extrahieren. Diese sollten sich nicht überschneiden und sollten möglichst breit gestreut sein – auch das ist etwas, das wir berechnen können. Dieser methodische Ansatz unterscheidet unsere Szenarien von bloßen Science-Fiction-Geschichten.“

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