Wie ein gigantisches Puzzle

Ingenieurskunst | Wenn ein Flugzeug aus Millionen von Einzelteilen zusammengebaut wird, muss jeder Arbeitsschritt sitzen.

Wie ein gigantisches Puzzle wird eine Boeing 747 aus Millionen von Einzelteilen zusammengebaut. Der Ablauf ist streng vorgegeben. Jeder Arbeitsschritt greift in den nächsten: Schon eine etwas
zu spät gelieferte Radaufhängung oder eine fehlende Türklinke kann die gesamte Produktion ins Stocken bringen.

Enge Terminpläne sind eine große Herausforderung für jeden Flugzeughersteller. Besonders, wenn sich jeder seiner Zulieferer selbst um die Beschaffung der Rohmaterialien kümmert. So war es bis 1998 auch bei Boeing. Seitdem organisiert thyssenkrupp Aerospace exklusiv die gesamte Lieferkette (Supply Chain) für Aluminium und Titan. Der Vertrag mit Boeing ist im Bereich Flugzeugbau weltweit der umfassendste seiner Art. Insgesamt betreibt thyssenkrupp Aerospace im Bereich Luft- und Raumfahrt über 42 Servicezentralen in 19 Ländern und auf fünf Kontinenten.

Die Idee ist einfach: Boeing ist der Eigentümer des Rohmaterials und gibt dieses zu langfristig garantierten Preisen an die Zulieferbetriebe ab. Das erhöht die Planungssicherheit. Patrick Schatz, Vice President in Seattle, erklärt: „Wir managen als Systemintegrator die gesamte Lieferkette, reduzieren die Komplexität und koordinieren zentral die Materiallieferungen. Mehr als 500 Teilelieferanten für Boeing aus der ganzen Welt wenden sich direkt an uns, wenn sie Metalle benötigen.“

 

thyssenkrupp Aerospace

thyssenkrupp Aerospace

 

Alles auf Lager

thyssenkrupp hat alle benötigten Materialien auf Lager: vom 0,25 Millimeter dünnen Blech bis zu 25,4 Zentimeter dicken Platten und Profilen in verschiedenen Qualitäten und Zusammensetzungen. „Um möglichst effizient zu arbeiten, ermitteln wir vorab den genauen Bedarf“, sagt Schatz. „Wir verfügen über eine sehr erfolgreiche Planungsabteilung, die eigenentwickelte Prognosesysteme zu Warenbestandsmanagement und Forecasting nutzt sowie webbasierte IT-Lösungen zur zeitnahen und verlässlichen Kundeninformation einsetzt. Unser Team aus Statistikern und Analytikern bekommt Produktions- und Vertriebsdaten von Boeing, zieht Vergleichswerte aus Vorjahren heran, prüft die laufenden Aufträge und gleicht aktuelle Lagerbestände ab. So können wir unsere Kunden zuverlässig bedienen.“

Zuverlässig, effizient und günstig: thyssenkrupp setzt auf „Cut to size, just in time“. Früher legte der Kunde Vorräte an, kaufte ganze Platten und Bleche und schnitt sie selbst zu. Dabei entstand Schrott, was sich in den Gesamtkosten niederschlug. Heute schneidet thyssenkrupp in den Lagerhäusern das Metall im Vorfeld zu. Immer öfter entwickeln die Ingenieure in Seattle sogar detaillierte Schnittmuster, die bereits annähernd die Konturen des späteren Produkts aufweisen. Die Rohlinge werden mit computergesteuerten Wasserstrahlschneidern herausgetrennt und an die Zulieferer verschickt. Die Metallreste werden sortenrein recycelt. Das schont Ressourcen und spart sehr viel Energie.

Immer einen Schritt voraus

Boeing zeigt sich höchst zufrieden und hat den Vertrag mit thyssenkrupp bis 2018 verlängert. Der Trend, dass in der Luftfahrt Aluminium immer öfter durch Verbundfaserwerkstoffe ersetzt wird, bereitet thyssenkrupp keine Sorgen. „Wir sehen uns nicht in erster Linie als Werkstofflieferant, sondern als Supply Chain Optimierer. Unser Know-how können wir jederzeit auf andere Materialien und auch Fertigteile anwenden“, verrät Schatz. „Veränderungen sind Kern unserer Arbeit. Es ist unser tagtäglicher Job, immer einen Schritt voraus zu sein.“

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