Wie ein Compliance Officer gegen Kartelle und Korruption kämpft

Unternehmen | Unternehmenskultur | Knapp 160.000 Mitarbeiter, auf allen Kontinenten vertreten: Es ist nicht immer leicht, bei thyssenkrupp den Überblick zu behalten. Aber wenn es um Korruptionsvorwürfe und Kartellrecht geht, schaut Dr. Sebastian Lochen ganz genau hin. Als Chief Compliance Officer kümmert er sich darum, dass thyssenkrupp sauber bleibt. Welche Rolle Kultur dabei spielt und wie er die Historie von thyssenkrupp beurteilt, hat er uns im Interview erzählt.

Herr Dr. Lochen, Würden Sie sich selber als jemanden beschreiben, der sich gerne an Regeln hält?

„Gerne“ ist glaube ich nicht die richtige Kategorie. Es kommt vor allem auf die Haltung an und die Überzeugung, sich richtig verhalten zu wollen. Aber Regeln gehören natürlich am Ende dazu. Und an die muss man sich auch halten, ob im Straßenverkehr oder in der Wirtschaft.

Viel Erfahrung: Seit 2011 kümmert sich der gelernte Anwalt Dr. Sebastian Lochen um das Thema Compliance bei thyssenkrupp – seit Oktober 2018 als Chief Compliance Officer.
Viel Erfahrung: Seit 2011 kümmert sich der gelernte Anwalt Dr. Sebastian Lochen um das Thema Compliance bei thyssenkrupp – seit Oktober 2018 als Chief Compliance Officer.

Für Laien erklärt: Was genau machen Sie hier eigentlich?

Im Bereich Compliance kümmern wir uns um die Themen Kartellrecht und Anti-Korruption, aber auch um Geldwäscheprävention und Datenschutz. Wenn wir uns das Thema Korruption anschauen, versuchen wir, unsere Mitarbeiter davor zu schützen, Opfer von Korruption zu werden. Wir versuchen aber auch, unser Unternehmen davor zu schützen, dass sich Mitarbeiter – absichtlich oder unabsichtlich – falsch verhalten. Dazu braucht es die klare Beratung unserer Compliance-Abteilung. Wir informieren aktiv, stehen aber auch für Beratung zur Verfügung. Pro Jahr haben wir etwa 15.000 Beratungsaktivitäten. Das zeigt auch das Vertrauen, das wir uns als Compliance-Abteilung aufgebaut haben.

Compliance ist für uns selbstverständlich. Wir übernehmen Verantwortung für die Gesellschaft.

–  Aus dem Leitbild von thyssenkrupp

Was begeistert Sie an Ihrem Beruf, warum haben Sie sich dafür entschieden?

In einem Unternehmen als Chief Compliance Officer zu arbeiten, macht viel Spaß, weil man mit ganz unterschiedlichen Abteilungen, Personen und Regionen in Berührung kommt. Ich versuche, alle Risiken im Blick zu haben, um das Unternehmen am Ende am besten zu schützen – denn darum geht es bei unserer täglichen Arbeit: den Schutz des Unternehmens. Bei uns spielen kulturelle Fragen eine große Rolle und wir müssen auf unterschiedlichste Geschäftsmodelle und -prozesse eingehen. Das ist der große Unterschied zur praktischen Arbeit bspw. als externer Anwalt, der immer nur einen kleinen Ausschnitt unserer vielschichtigen Tätigkeit sieht. Der Großteil der Compliance-Abteilung besteht ja aus Juristen und jeder schätzt den besonders praxisnahen und abwechslungsreichen Teil unserer Tätigkeit. Dabei hilft uns auch die disziplinübergreifende Zusammensetzung des Teams – ich schätze das sehr, wir lernen viel voneinander.

Welche Herausforderungen gibt es speziell bei thyssenkrupp als global agierendem Unternehmen?

Wir sind über 160.000 Mitarbeiter – dass es dabei Menschen gibt, die Grenzen überschreiten oder Regeln brechen, ist bedauerlich, aber leider im Ergebnis nicht vermeidbar. Wir fahren daher einen sehr präventiven Ansatz, versuchen ein System zu schaffen, das Verstöße verhindert. Dass wir gegen einzelne Kriminelle am Ende machtlos sind, ist leider ein Fakt, mit dem wir uns abfinden müssen. Aber indem wir Compliance im gesamten Konzern aktiv in die Geschäftsprozesse integrieren, versuchen wir, Verstöße bestmöglich zu verhindern. Die Herausforderung ist dabei vielfältig. Das liegt natürlich auch an den Ländern, in denen man unterwegs ist: Das Compliance-Kulturverständnis ist in vielen Ländern nicht so ausgeprägt wie bei uns. Zudem hatten wir bei thyssenkrupp in der Vergangenheit auch unsere Fälle. Seilschaften waren früher leider recht normal.. Da mussten wir viel Aufbauarbeit betreiben.

Compliance ist für uns eine Frage der Haltung. Das betrifft uns alle bei thyssenkrupp. Jeden Tag. Überall.

– aus der Compliance-Strategie von thyssenkrupp.

In einem so großen Konzern kann nicht jedes Fehlverhalten verhindert werden. Wie gehen Sie damit um?

Ich finde das nicht frustrierend, das ist leider unser Umgang mit der Realität. Natürlich schauen wir auch genau hin und unterbinden Fehlverhalten, sobald wir es aufgedeckt haben. Da müssen wir konsequent sein und das sind wir. Und ansonsten ist das eine Herausforderung, der wir uns täglich stellen. Wir leisten auch auf kultureller Ebene Überzeugungsarbeit. Das trägt am Ende weiter, als einfach nur Regeln aufzustellen.

Was passiert intern, wenn Korruptionsvorwürfe laut werden?

Wir haben eine eigene Investigationsabteilung, die sehr eng mit der internen Revision zusammenarbeitet. Wir ermitteln intern mit allen Möglichkeiten, die wir haben: Wir schauen uns Dokumente an, sprechen mit Mitarbeitern, ziehen Schlüsse daraus, und kommen dann zu einem Ergebnis. Wir haben zudem ein Whistleblowingsystem, über das sich Mitarbeiter online und per Telefon anonym an uns wenden können. Wir bekommen im Jahr eine dreistellige Zahl an Meldungen über das Whistleblowingsystem. Wenn wir Verstöße feststellen, stellen wir sie unverzüglich ab. Und wir ziehen Konsequenzen, wenn diese geboten und erforderlich sind. Im Extremfall geht das dann bis zur Kündigung.

Um Kartellvorwürfe, Korruptionsverdachtsfälle und andere Verstöße transparent und vollständig aufzuklären, ist die Compliance-Abteilung im gesamten Konzern bestens vernetzt.
Um Kartellvorwürfe, Korruptionsverdachtsfälle und andere Verstöße transparent und vollständig aufzuklären, ist die Compliance-Abteilung im gesamten Konzern bestens vernetzt.

Wie gehen Sie vor, um Probleme im Unternehmen langfristig zu verhindern?

Ich glaube, das ist ein ständiger Prozess. Wir müssen immer wieder mit unseren Mitarbeitern sprechen. Steter Tropfen höhlt den Stein. Compliance darf nicht in Vergessenheit geraten, das ist kein Thema, was sich an einem großen Fall entzündet und dann hoffentlich wieder abebbt. Wir müssen dem Thema konsequent begegnen.

Werte wie Verlässlichkeit, Aufrichtigkeit, Glaubwürdigkeit und Integrität sind für uns keine leeren Worthülsen, sondern durchziehen unsere Unternehmens-DNA.

– aus der Compliance-Strategie von thyssenkrupp.

Welche Rolle spielt Kultur bei Compliance-Themen?

Eine sehr große Rolle. Die größte. Dass ich nicht bestechen darf, das ist mittlerweile jedem klar. Es gibt kein Land, in dem Korruption legal ist. Die Frage ist: Wie stelle ich mich dazu auf? In Asien herrscht beispielsweise immer noch eine sehr ausgeprägte Geschenkekultur. Im arabischen Raum brauchen Sie beispielsweise für viele Tätigkeiten einen Sponsor, der Sie unterstützt. Das sind geschäftliche Besonderheiten, mit denen man umgehen muss. Das ist das Spannende: Wir versuchen trotzdem unter Berücksichtigung lokaler Besonderheiten eine einheitliche Compliance-Kultur zu etablieren. Klar ist, dass für alle Regionen auf dieser Welt gilt: Compliance ist eine Frage der Haltung. Geschenke zum Beispiel sind kein Mittel, um Geschäfte zu gewinnen.

Wie beurteilen Sie die Historie, die thyssenkrupp mit Compliance- und Korruptionsthemen hat?

Jeder Verstoß ist einer zu viel. Sie sind teuer und schädigen den Ruf unseres Unternehmens. Und sie sind auch nicht richtig. Da gilt im Berufsleben für mich nichts anderes als im Privatleben: Ich möchte morgens in den Spiegel schauen können, ohne mich zu schämen. Von daher haben wir eine sehr ernste Aufgabe. Aber sie macht auch sehr viel Spaß. Als Compliance-Abteilung haben wir eine enorme Rückendeckung vom Vorstand. Und auch viele Mitarbeiter sind nicht nur sehr geschult, sondern bringen eine ganz klare Einstellung und letztlich Haltung mit. Wir merken in vielen Projekten und am Verhalten der Mitarbeiter, dass wir auf einem guten Weg sind. Sie wenden sich an uns und sind – zu Recht – tatsächlich wirklich empört, wenn doch einmal etwas schiefgeht oder sie von Korruptionsvorwürfen hören. Wir haben sie mit auf unsere Reise mitgenommen. Das ist sehr erfreulich und positiv – und natürlich auch eine Bestätigung für uns.

Über Dr. Sebastian Lochen

Dr. Sebastian Lochen ist in Duisburg aufgewachsen und kennt das thyssenkrupp-Umfeld so aus frühster Kindheit. Der 42-jährige Jurist hat in Marburg und im englischen Canterbury studiert. Während seines Referendariats in Düsseldorf führte ihn sein Weg zurück zu thyssenkrupp. Nach einer Station bei einer Wirtschaftskanzlei kehrte er 2011 erneut in das Unternehmen zurück – dieses Mal in die Compliance-Abteilung. Seit dem 1. Oktober 2018 ist er Chief Compliance Officer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.