Wenn aus Maschinen Kollegen werden

Automotive-Sektor | Digitalisierung und Industrie 4.0 | Smart Factory | In der Fabrik der Zukunft sollen Mensch und Roboter noch enger zusammenarbeiten – Seite an Seite, an ein und derselben Produktionslinie. Doch für den Menschen sind Roboter eine Gefahr – und werden deshalb meist eingesperrt. Im Lenkungswerk Florange hat thyssenkrupp eine der Maschinen befreit. Davon profitiert nicht nur das Unternehmen, sondern auch die Belegschaft.

Florange, ein Ort im nordfranzösischen Lothringen: Links der Mosel und nahe der deutschen Grenze montiert thyssenkrupp pro Tag etwa 35.000 Lenksysteme für viele große Automobilkonzerne, Tendenz steigend. Denn Anfang des Jahres stellte sich den rund 1.200 Mitarbeiter von thyssenkrupp Steering ein ganz besonderer Kollege vor – Yumi. Und eines muss man dem Neuen lassen: So schnell und präzise wie er nimmt in Florange niemand Metalldeckel auf, legt einen Dichtungsring ein, presst einen weiteren auf die andere Seite, setzt den Deckel ab und schnappt sich den nächsten. Kaum ein Dutzend Handgriffe, die das Zeug haben, die Automobil-Produktion in ein neues Zeitalter zu führen. Denn Yumi besitzt keine menschlichen Hände, sondern Metallgreifer. Er ist ein Roboter.

Keine Berührungsängste

Das allein ist noch keine Revolution. Wohl aber, dass Yumi mitten unter seinen menschlichen Kollegen arbeitet – und nicht eingesperrt wie seine großen Brüder wenige Meter weiter, hinter Plexiglas und unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. Das macht ihn zu einem von nur fünf seiner Art weltweit. Als Vorreiter dieser Form der sogenannten „Mensch-Roboter-Kollaboration“ testet thyssenkrupp auch den Roboter IIWA: Dank ausgefeilter Kraftsensorik dreht er Schrauben viel leichter, schneller und präziser in Gehäuse, als es eine menschliche Hand je könnte.

Produktiv, intelligent, gefühlvoll

„Roboter wie Yumi und IIWA befreien erstens Mitarbeiter von eintönigen und belastenden Tätigkeiten. Zweitens erlauben sie im kollaborativen Modus die Produktivität zu steigern, indem sie die Tätigkeiten mit höherer Präzision und Geschwindigkeit verrichten“, erläutert Thierry Hassler, Senior Manager Manufacturing Engineering Supports in Florange.

Bei beiden Roboter-Projekten werden Prozesse automatisiert, an denen konventionelle Robotersysteme scheitern. Die Roboter legen Daten ab und werten sie aus, noch während der eigentliche Prozess läuft. Und liefern so die perfekte Grundlage, um Produkte und Prozesse gezielt zu optimieren. Das kann kein Mensch leisten.

Sicherheit ist gut, Kennenlernen ist besser

Natürlich steht auch bei Yumi die Sicherheit an oberster Stelle: Sagen ihm seine Sensoren, dass er einem Kollegen zu nahe kommt, schaltet er sich aus. Für alle Fälle sind seine Greifarme mit weichem Kunststoff ummantelt. Zuvor hatte thyssenkrupp Steering bei einer umfassenden Risikoanalyse zudem auch die Mitarbeiter einbezogen. „Sie haben Aspekte in den Blick geholt, die wir nicht auf dem Schirm hatten“, so der Projektleiter. Erst nachdem alle Fragen beantwortet und alle Vorschläge geprüft und umgesetzt waren, ging Yumi in Betrieb – nach intensiver Schulung der 15 Mitarbeiter, die in vier Schichten im direkten Umfeld von Yumi beschäftigt sind.

Neue Jobs statt weniger Stellen

Wegen Yumi hat in Florange jedenfalls bislang noch kein Mitarbeiter seinen Job verloren. Und das soll auch bei den weiteren 30 Produktionsschritten so bleiben, die das Team um Thierry Hassler als geeignet für den Einsatz von kollaborativen Robotern identifiziert hat. Denn jene Arbeitsplätze, die Yumi ersetzen könnte, sollen mit neugeschaffenen Stellen ausgeglichen werden – zusätzliche Aufträge und ein höheres Produktionsvolumen machen es möglich. „Wir brauchen künftig mehr Anwendungstechniker“, erklärt Personalleiter Fernand Kiren, der dafür zum Beispiel Mitarbeiter umschulen möchte. Yumi wird auf absehbare Zeit jedenfalls genügend Deckel und Dichtungen zwischen seine Greifer bekommen – als erster seiner Art in Gesellschaft seiner menschlichen Kollegen.