Wasserversorgung der Zukunft: Wenn Wasserprivatisierung Realität wäre

Nachhaltigkeit und Klimaschutz | Technologietrends | Wissenswertes | Wie kann sich die Wasserversorgung der Zukunft weiterentwickeln? Welche Trends treiben diese Entwicklungen? Und welche Technologien spielen dabei eine Rolle? Um diese Fragen zu beantworten, schauen unsere Foresight-Experten nach vorne und entwickeln alternative Zukünfte. Dieses mal stellen wir unser drittes mögliches Szenario vor – eine fiktive Zukunft, in der die Wasserprivatisierung Premium-Trinkwasser zum Privileg von Besserverdienern macht.

Wie jeden Morgen ist Josefina heute kurz nach Sonnenaufgang aufgestanden, um für sich und ihre zwei Kinder irgendwie etwas Wasser zu besorgen. Jetzt steht sie mit Hunderten anderen Menschen in einer langen Schlange vor einer Verkaufsstation der Latin American Water Corporation am Nordrand von Mexiko-Stadt. Soldaten bewachen den Zutritt zu dem vergitterten Gebäude, das immer nur wenige Personen gleichzeitig betreten dürfen. „15 Dollar pro Liter“, zeigt die Anzeigetafel. Den aktuellen Tagespreis legt die WAPEC fest – eine Organisation mit Sitz in Wien, in der sich die wasserproduzierenden Staaten der Welt zusammengeschlossen haben.

In diesem fiktiven Zukunftsszenario ist Trinkwasser nicht mehr ohne Weiteres zu haben. Konzerne geben vor, wieviel Wasser die Menschen zu welchem Preis erwerben können – eine Folge der Wasserprivatisierung.
In diesem fiktiven Zukunftsszenario ist Trinkwasser nicht mehr ohne Weiteres zu haben. Konzerne geben vor, wieviel Wasser die Menschen zu welchem Preis erwerben können – eine Folge der Wasserprivatisierung.

Premium-Wasser nur für die „Upper Class“

Wer es sich leisten kann, kauft nicht das billige Standardwasser oft zweifelhafter Qualität, sondern Premium-Nass, das allerdings das Zehnfache kostet. Dafür erhält man es in schicken „Water Boutiques“, vor denen sich niemals Schlangen bilden und in denen die Kunden einen erstklassigen Service erwarten können – eine Folge der Wasserprivatisierung. Für Liebhaber gibt es dort auch „Jahrgangswasser“ aus Frankreich oder Japan, das wie edler Wein im Keller lagert und flaschenweise zu horrenden Preisen verkauft wird.

In dieser Version des Jahres 2030 hat der Klimawandel die Süßwasservorkommen weltweit dezimiert.
In dieser Version des Jahres 2030 hat der Klimawandel die Süßwasservorkommen weltweit dezimiert.

Dystopie 2030 – Wasserprivatisierung wird zur Realität

In Josefinas Welt ist wahr geworden, was viele Hollywood-Dystopien schon um die Jahrtausendwende vorhergesagt haben: Wasser ist knapp geworden, und eine Handvoll Konzerne haben durch die Wasserprivatisierung die wenigen Quellen unter sich aufgeteilt. Seit dem großen Finanzcrash ist der globale Lebensstandard gesunken, und niemand investiert mehr in die veraltete öffentliche Infrastruktur. Der Staat ist schwach, und beim Kampf ums Wasser gilt das Recht des Stärkeren.

Bei der Nahrungsmittelversorgung sieht es nicht viel anders aus: Das Monopol dafür liegt in den Händen weniger Unternehmen, die Zugang zu Wasser haben. Private Gärten oder gar Zierpflanzen findet man nur noch in den streng abgeschirmten Wohnanlagen der Superreichen.

Zurück zum Dreck der Industrialisierung

Während sie in der Schlange auf ihre tägliche Wasserration wartet, denkt Josefina an ihren Mann Oscar. Seit Monaten hat sie ihn nicht mehr gesehen – seit er in die USA gegangen ist, um dort in einer Kohlenmine zu arbeiten. Die Renaissance des billigen Energieträgers nach den gescheiterten Klimaverhandlungen hat viele Jobs geschaffen und Tausende Mexikaner gen Norden ziehen lassen. Gut 500 Dollar kann Oscar jeden Monat nach Hause schicken, gerade genug, um das Wasser für Frau und Kinder zu bezahlen.

In dieser Zukunftsdystopie haben die Staaten der Erde ihren Einfluss auf vielen Gebieten verloren. Ein Finanzcrash hat ihre Handlungsfreiheit stark eingeschränkt. Die Infrastruktur zerfällt so immer mehr.
In dieser Zukunftsdystopie haben die Staaten der Erde ihren Einfluss auf vielen Gebieten verloren. Ein Finanzcrash hat ihre Handlungsfreiheit stark eingeschränkt. Die Infrastruktur zerfällt so immer mehr.

Aber schon bald könnte es nicht mehr reichen: Auf ihrem Gipfeltreffen in Wien beraten die WAPEC-Vertreter gerade über die neuen Wasserpreise. „30 Prozent mehr für einen Liter“, lautet das neueste Gerücht. „Wie soll ich das bloß bezahlen?“, denkt Josefina, während sie mit ihren leeren Plastikflaschen an dem Soldaten vorbei in die Wasserausgabestelle geht.

Blick in die Zukunft unserer Wasserversorgung

Minderwertige Qualität für die armen Massen, Premium-Wasser für die oberen Zehntausend: So sieht die dystopische Welt im dritten Foresight-Szenario aus, das die thyssenkrupp-Experten „Water = Life 2.0“ genannt haben. Hier ist die vollständige Wasserprivatisierung wahr geworden.

Natürlich kann die Welt nach 2030 aber auch ganz anders aussehen als in dieser Geschichte (hier findet ihr unsere Szenarien eins und zwei), die unsere Zukunftsforscher im Rahmen der Foresight-Arbeit zum Thema „Water Management“ entwickelt haben. Als Innovationsmanager koordiniert der Physiker Dr. Andreas Meschede den konzernweiten Foresight-Prozess bei thyssenkrupp. Dabei entwerfen internationale Experten mögliche Szenarien der Zukunft, etwa zur Entwicklung der Mobilität, den Städten von morgen oder der sich verändernden Arbeitswelt in der Produktion. So stellt sich der Konzern schon heute auf mögliche Entwicklungen im Jahr 2030 und danach ein.

Foresight-Prozess: wegweisende Kundenlösungen als Ziel

„Mit Foresight ordnen wir zunächst unterschiedliche Bilder der Zukunft, um sie in einem zweiten Schritt zu Szenarien zu erweitern“, beschreibt Andreas Meschede. „Am Ende haben wir so die Möglichkeit, wegweisende Lösungen für unsere Kunden zu finden.”Das gilt auch für die Frage der Wasserversorgung – ein Thema, das nicht erst in der Zukunft akut wird, sondern jetzt schon viel diskutiert wird. „Es ist eine Grundvoraussetzung für jeden Staat, seinen Bürgern ausreichend Wasser zur Verfügung zu stellen. Nicht umsonst sprechen viele in den aktuellen Debatten vom Menschenrecht auf Wasser. Als Technologiekonzern und speziell mit unseren Lösungen für eine nachhaltige Landwirtschaft ist diese Frage für uns und unsere Kunden von entscheidender Bedeutung.“

Für den allerersten Workshop zum Thema Wasser traf sich das Foresight-Team im „Aquarius“ – ein ehemaliger Wasserturm und heutiges Museum in Mülheim. Dieser direkte Bezug war für die Experten enorm hilfreich, so Andreas Meschede rückblickend.  „Auf diese Weise haben wir zunächst versucht, die Gegenwart zu verstehen. Und von dort aus haben wir uns dann in Richtung Zukunft entwickelt.“

Als Koordinator des Foresight-Prozesses von thyssenkrupp entwickelt Andreas Meschede mit rund 160 Kollegen aller Geschäftsbereiche, externen Experten und Querdenkern Szenarien für das Leben, Arbeiten und Wohnen im Übermorgen. Die Themen sind vielfältig – von Megacitys und Mobilität über Landwirtschaft, Luft und Wasser bis hin zur Energie.

Andreas Meschede: Vom Stahl-Innovator zum Foresight Manager

„2011 habe ich bei thyssenkrupp im Stahlbereich begonnen. Damals habe ich Probleme gelöst“, erzählt uns Meschede. „2015 habe ich dann begonnen, Probleme und zukünftige Bedürfnisse zu identifizieren.“  Als Innovations- und Foresight-Manager wechselte sein Fokus – vom Konkreten zum Abstrakten und vom Hier und Jetzt in Richtung Zukunft. Eine lohnender Perspektivwechsel, meint der Experte, der aber genauso von seinen vorherigen Erfahrungen profitiert. „Ich glaube, dass es für meine Arbeit sehr hilfreich ist, auch die fachliche, operative Arbeit mit dem Kunden zu kennen. Und zu wissen, wie seine Bedürfnisse aussehen.“

Foresight-Reihe Wasser: Drei Szenarien – drei alternative Zukünfte

Die Geschichte von Josefina ist nur eine von drei möglichen Szenarien zur Zukunft unserer Wasserversorgung. In ihrer dystopischen Welt haben Unternehmen die Schwäche der Politik für sich genutzt und die Wasserversorgung privatisiert, um wirtschaftlich möglichst viel Ertrag zu generieren. Welche alternativen Versionen die Zukunft bereithalten könnte, erfahrt ihr in unseren Foresight-Szenarien eins und zwei.

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