Vom Dschungel ins Hightech-Werk

Geschichte | Menschen bei thyssenkrupp | Drei Generationen für einen Konzern

„Früher war alles besser“ – pflegen unsere Eltern stets zu sagen, aber stimmt das so auch wirklich? Früher mussten die Menschen schwere körperliche Arbeit verrichten, überall war es schmutzig und laut, die Möglichkeiten eines Arbeiterkindes waren begrenzt. Drei Generationen einer Familie haben miterlebt, wie aus einem Stück Regenwald eine hochmoderne Produktionsstätte für Automobilkomponenten wurde. Und wie dieses Stückchen Land ihr Leben mitgestaltete.

Exotische Vogelrufe schallen durch die Luft. Das Auge sieht üppiges Grün. Es ist drückend warm. Früher, vor 54 Jahren, erinnert sich Nadir Risso, lag neben Campo Limpo noch dichter brasilianischer Regenwald mit Pinseläffchen und Kolibris. Betrachtet man heute Luftaufnahmen von dem Werk 40 Kilometer nördlich von São Paulo, ist von der Wildnis von damals nichts mehr zu erkennen. Heute stehen auf dem Gebiet moderne Fabrikhallen umgeben von einer Stadt mit Tausenden neuer Häuser.

Die Familie Risso hat den Wandel von thyssenkrupp zu einem modernen, globalen Konzern und dem Werk in Campo Limpo zur wichtigsten Wirtschaftsregion Brasiliens mit begleitet. Großvater Nadir gehörte im brasilianischen Werk zu den Männern der ersten Stunde: Sohn Roberto und seine Frau erlebten die Krise und das Aufbrechen alter Strukturen, Enkel Lucas den Weg ins digitale Zeitalter und die Globalisierung. Die Geschichte von thyssenkrupp ist auch ihre Geschichte.

Kaffeepflücker stellen Kurbelwellen her

„Die meisten von uns waren damals einfache Kaffeepflücker“, berichtet Nadir Risso. thyssenkrupp hat in Campo Limpo 1961 eine neue Metallschmiede für Kurbelwellen, Pleuelstangen und andere Autoteile in Betrieb genommen. Deutsche Ingenieure bildeten die ungelernten Landarbeiter an den Maschinen aus. Mit heutigem Standard war die Arbeitsweise dort allerding nicht zu vergleichen, erinnert sich Nadir Risso. Viele Arbeitsschritte an seinem ersten Einsatzort in der Zahnradproduktion wurden mit einer Vielzahl von Einzelschritten ausgeführt. Durch ein Abendstudium stieg Nadir Risso zum technischen Zeichner auf, seine nächste Arbeitsstation befand sich in der Qualitätskontrolle, wo er unerfahrene Kollegen anlernte. thyssenkrupp kümmerte sich schon früh um seine Mitarbeiter und kam für Fortbildungskosten auf und bot gesundheitliche Betreuung für Mitarbeiter und deren Familien auf.

Nadir Risso the grandfather at ThyssenKrupp, Campo Limpo Paulista on March 11th, 2015

Großvater Nadir Risso vor dem Werk thyssenkrupp, Campo Limpo Paulista

Arbeit wird effektiver, sicherer und sauberer

Der technische Fortschritt hat das Bild der 60er-Jahre geprägt. Durch neue Großkunden wie VW und Ford wurde in den Standort Campo Limpo investiert; Schichtarbeit wurde eingeführt. Anfang der 70er-Jahre zieht die Automatisierung in das Werk ein. „Bis dahin hatten wir unsere Maschinen noch von Hand gesteuert“, erinnert sich Risso. „Die neue Technik erledigte das mit Hydraulik und Sensoren, konnte mehrere Fertigungsschritte gleichzeitig erledigen. Und das bis zu zehnmal schneller.“ Die Produktion zieht an. thyssenkrupp schafft mehr Arbeitsplätze. Die bloße Mannskraft ist nun weniger von Bedeutung. Leute mit Köpfchen, die die Maschinen warten und das große Ganze planen und organisieren, sind gefragt.

Nadir ist mittlerweile sesshaft geworden und hat die Frau fürs Leben gefunden. Er heiratet und bekommt Kinder. thyssenkrupp zahlt besser als andere Arbeitgeber in Brasilien. Nadir arbeitet viel und kann seiner Familie so einen höheren Lebensstandard bieten.

Nadirs ältester Sohn Roberto tritt 1977 in die Fußstapfen seines Vaters und startet sein Berufsleben als Bürogehilfe in Campo Limpo. Das Werk hat kräftig vom Aufschwung profitiert und ist bereit für Neues. Doch es sollte anders kommen.

Carlos Roberto Risso the son Risso at ThyssenKrupp, Campo Limpo Paulista on March 11th, 2015

Nadir Rissos Sohn Carlos Roberto Risso bei thyssenkrupp, Campo Limpo Paulista

Dämpfer für den Aufschwung

In den 80er Jahren gerät die Fabrik in den Sog der brasilianischen Wirtschaftskrise. Die Inflation galoppiert, die Absätze brechen ein, die Produktion muss um die Hälfte gesenkt werden. Fast die Hälfte der Mitarbeiter muss daraufhin entlassen werden. Roberto Risso ist einer von ihnen. Drei Jahre später bekommt er erneut die Chance, nach Campo Limpo zurückzukehren. Er fängt in der Fertigungsstrecke an, wo Rohlinge auf exakte Passform geschliffen, gefräst und gebohrt werden. Robert Risso lernt die Maschinen von Grund auf kennen. „Von meinem Vater habe ich die brasilianische Art, alles mit Leidenschaft zu tun und seine deutsche Beharrlichkeit, den Dingen auf den Grund zu gehen.“ Diese Eigenschaften kommen ihm auf seinem weiteren Berufsweg zugute.

Modernisierung und Expansion

Wie im echten Leben geht es auch für das Werk in Campo Limpo auf und ab. Neue Absatzmärkte in Mexiko und den USA werden erschlossen, der Maschinenpark modernisiert, die Effizienz gesteigert. Schritt für Schritt geht es wieder aufwärts.

Frauenquote im 20. Jahrhundert

Eine weitere Neuerung steht auf dem Plan: Es werden nun auch Frauen eingestellt, zunächst aber nur für die Büroarbeit. Robert Risso trifft sich nach Feierabend öfter mit einer jungen Kollegin, es wird der Bund fürs Leben. „Damals gab es zwar mehrere Sekretärinnen im Werk“, erinnert sich Marilene Risso, „Aber Frauen in höheren Positionen hab es im Gegensatz zu heute überhaupt nicht. Und alles ging ungemein förmlich zu. Gefühle während der Arbeit – undenkbar.“ 1987 kommt Robertos und Marilenes erster Sohn Raul zur Welt, 1991 folgt Lucas. Vater Roberto ist mittlerweile in die Qualitätsabteilung gewechselt, seine Lehrzeit an den Maschinen kommt ihm nun zugute.

Aufbrechen alter Hierarchie-Strukturen

Und wieder wandelt sich die Arbeitswelt im Umfeld der Familie Risso: „Ab den 90er-Jahren wurden die Hierarchien flacher“, erzählt Roberto Risso. „So wurde besser darauf gehört, was die Kollegen in der Produktion bei der Arbeit mitbekamen.“

Campo Limpo hat die Krise noch nicht überstanden, die Geschäfte sind weiterhin nicht auf dem Level, wie es sich das Management wünscht. Roberto nimmt dies zum Anlass, um sich mit einem Abendstudium weiter zu bilden. thyssenkrupp unterstützt ihn und übernimmt die Hälfte seiner Ausbildungskosten.

Auftrieb und neue Chancen

Als die brasilianische Wirtschaft sich mithilfe der Währungsreform 1994 erholt, geht es für den Konzern und die Rissos wieder bergauf. thyssenkrupp investiert in neue Produktionsstandorte für schmiedeeiserne Fahrzeugkomponenten, um regionalen Krisen nicht mehr haltlos ausgesetzt zu sein. 1990 entstehen weitere Werke in Brasilien, Mexiko und ab 2010 auf der ganzen Welt. Roberto Risso kennt den Standort Campo Limpo inzwischen in- und auswendig. Deshalb ist er genau der Richtige, für die in der Business Unit Forging and Machining  zusammengefassten Fabriken in aller Welt eine gemeinsame Unternehmenskultur zu schmieden.  Von nun an ist er zu vielen thyssenkrupp-Standorten in der Welt unterwegs.

Alte Traditionen fortführen

Rissos jüngster Sohn Lucas folgt der Familientradition und bewirbt sich 2010 um eine Stelle in der Produktionsplanung. Anders als sein Großvater muss er aber nicht mehr selber an den Maschinen stehen und mit diese mit viel Muskelkraft bedienen. Er ist im digitalen Zeitalter groß geworden und verrichtet seine Arbeit lieber vor dem Computer sitzend. Dies heißt allerdings nicht, dass nicht auch er bei umfangreichen Produktionsprozessplanungen vor lauter Daten ins Schwitzen kommt.

Enkel Lucas Pauleto Risso im Werk von ThyssenKrupp, Campo Limpo Paulista

Enkel Lucas Pauleto Risso im Werk von thyssenkrupp, Campo Limpo Paulista

Lucas Risso macht einen guten Job und strebt wie die anderen Männer der Risso Familie nach Höherem. Im Abendstudium erwirbt er ein Ingenieursdiplom und lernt auf der Arbeit, auch mal über den Tellerrand zu blicken. Im Moment erweitert Lucas seine Erfahrungen durch ein Managementstudium in den USA. „Natürlich will ich gerne zurück in die Business Unit Forging and Machining. Zunächst aber möchte ich ins Ausland, mindestens für ein paar Jahre.“

Eine Perspektive, die in der Arbeitswelt vor 54 Jahren in Campo Limpo noch unvorstellbar war. Vielleicht war früher ja doch nicht alles besser…

LEFT TO RIGHT Nadir Risso, Carlos Roberto Risso and Lucas Risso at ThyssenKrupp, Campo Limpo Paulista on March 11th, 2015

Von links nach rechts: Nadir Risso, Carlos Roberto Risso und Lucas Risso bei thyssenkrupp, Campo Limpo Paulista

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