Schweigen im Aufzug: Lasst uns reden!

Wissenswertes | 2 von 3 Deutschen schweigen im Aufzug – wieso eigentlich? Wir haben die Antworten. Und zeigen euch, warum der Aufzug die perfekte Smalltalk-Bühne ist.

Eigentlich hat die Natur den Menschen ja als soziales Wesen geschaffen. Denn wenn wir eine soziale Praktik zur Perfektion gebracht haben – dann wäre es der Smalltalk. Ob am Post-Schalter, in der Straßenbahn, beim Friseur oder im Büro: geschnattert wird immer. Nur an einem Ort haben wir uns ein rätselhaftes Schweige-Gelübde auferlegt: im Aufzug.

Für 2 von 3 von uns gilt im Aufzug vor allem auf eines: schweigen, wegschauen und bloß nicht auffallen.Für 2 von 3 von uns gilt im Aufzug vor allem eines: schweigen, wegschauen und bloß nicht auffallen.

Schweigen wider Willen?

Die Ruhe im Aufzug ist ein sonderbares Phänomen – und seit Neuestem auch statistisch belegt: Zwei Drittel aller Aufzugsgäste schweigen, sobald sich die Tür der Kabine hinter ihnen schließt. Das belegt eine aktuelle Umfrage unserer Aufzug-Experten von thyssenkrupp in Zusammenarbeit mit dem Meinungsforschungsinstitut YouGov. Bei weltweit sieben Milliarden Fahrten pro Tag eine ziemlich traurige Quote. Aber vor allem: Grund genug am internationalen „Tag der Plauderei im Aufzug“ zum Smalltalk zu appellieren.

Die Befragung warf in unserem Redaktionsteam sofort eine Frage auf: Wieso ändern wir unser Verhalten derart drastisch, sobald wir uns zwischen den Etagen bewegen? Zwar geben 23 Prozent der Teilnehmer unserer Umfrage an, dass sie im Aufzug lieber nichts sagen, weil sie generell nicht gern mit Unbekannten sprechen. Jedoch gehen viele noch weiter. Denn 17 Prozent der Befragten gestehen sogar, dass sie unter allen Umständen vermeiden, sich eine Aufzugskabine mit jemandem zu teilen, den sie nicht mögen.

Scham, Instinkt und Unbehagen: die Sicht der Wissenschaft

Dem Psychologen Dr. Thomas Herzog zufolge hat das Phänomen des unbehagten Schweigens mit unser aller Schamgefühl zu tun – übrigens nicht nur im Aufzug. Der Experte erklärte der „WELT“, dass die konkreten Gründe dafür vor allem in der eigenen Angst vor sozialer Ablehnung, Kritik am (Un-)Gesagten sowie an einem mangelnden Selbstbewusstsein. Warum viele von uns im Aufzug verstummen oder gar auf den nächsten Aufzug warten, anstatt die Fahrt in der Gruppe anzutreten, ist also vor allem ein Schutzreflex unseres Egos, das im Zweifel eben die sozial sicherere Variante wählt: das Schweigen.

Das unbehagliche Gefühl und der zeitweise Verlust der eigenen Stimme im Aufzug hat laut Wissenschaft aber noch viele weitere gesellschaftliche Hintergründe. Während der Anthropologe Adward T. Hall im Jahr 1966 den Grund in der Verletzung unserer ganz persönlichen Distanzzonen vermutete, beschrieb Sozialpsychologe Solomon Asch bereits vier Jahre davor in einem Videoexperiment den Umstand, dass Menschen im Aufzug im Zweifel dem Gruppentrieb folgen und das machen, was alle anderen machen – sich kollektiv anschweigen und nervös auf den Boden oder an die Wand starren.

Soziologe Stefan Hirschauer nutzte 1999 den Begriff der „höflichen Nichtbeachtung“, die im Alltag zwar prima funktioniere, sich auf zwei Quadratmetern Aufzugkabine jedoch innerhalb weniger Sekunden in Unbehagen und Wegblicken verwandele. Kognitionsexpertin Rebekah Rousi wiederum stellte jüngst fest, dass Frauen beim Schweigen im Aufzug meist den Boden fixieren, während Männer eher im Bann der Stockwerk-Anzeige sind.

Beyoncé schlägt Donald

Glücklicherweise zeigt unsere Studie aber auch die guten Seiten einer Aufzugfahrt. So geben 28 Prozent der Befragten an, dass es sie stört, wenn ein Gebäude mit mehr als zwei Etagen keinen Lift hat – ein Gefühl, dass besonders Menschen über 55 Jahre teilen. Das zeigt, wie sehr wir Aufzüge für das schätzen, was sie am besten tun: uns schnell und sicher von A nach B zu bringen.

Ganz weit vorne im Ranking der beliebtesten Blickfänge im Aufzug: das Steuerungs-Panel.Ganz weit vorne im Ranking der beliebtesten Blickfänge im Aufzug: das Steuerungs-Panel.

Ebenso haben wir herausgefunden: Die wenigsten Menschen würden eine Aufzugfahrt mit Sängerin Beyoncé vermeiden – sollte sich ein solches Treffen je ergeben. Politiker wie Kim Jong-Un und Donald Trump stehen als Kabinengefährten nicht so hoch im Kurs – rund ein Drittel der Befragten geben an, dass die beiden Staatsmänner ihre letzte Wahl für den gemeinsamen Weg nach oben oder unten wäre.

Nieder mit dem Aufzug-Tabus!

Dass das Innere eines Aufzugs unsere tiefsten Ur-Instinkte offenbart, wissen wir jetzt. Aber warum sollten wir uns als frei denkender Mensch deshalb von einem netten Plausch abhalten lassen? Schließlich ist der heutige „Talk in an Elevator Day“ der perfekte Anlass, über den eigenen Schatten zu springen und das beklommene Schweigen im Aufzug zu brechen. Sei es das nette Kompliment für den Kollegen, der kurze Austausch über’s Wochenende, der kleine Flirt oder der geistreiche Spruch, der den Mitfahrern ein Lächeln auf die Lippen zaubert – man weiß nie, welche Dinge sich auf engstem Raum ergeben können.

Offen sein für die Wunder des Zwischenmenschlichen ist also auch im Aufzug gar nicht so schwer. Wir sagen: Nur Mut!

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