Neue Heimat #2

Menschen bei thyssenkrupp | Ahmed Barry ist vor drei Jahren von Guinea nach Deutschland geflohen. Bei thyssenkrupp lässt er sich nicht nur zum Kaufmann für Büromanagement ausbilden, sondern hat zugleich eine neue Heimat gefunden.

Fehler, Verhaspler, Versprecher: Das ist nichts für den 19-Jährigen Ahmed Barry. Er liebt Perfektion, ganz egal, wie viel Mühe es ihn auch kostet. Sein Weg bis auf den Stuhl am großen Konferenztisch bei thyssenkrupp in Essen hat ihn zum Beispiel sehr viel Mühe gekostet: Um hier zu sitzen und komplizierte deutsche Worte wie „fachspezifisch“ auszusprechen, hat er fast 7.000 Kilometer zurückgelegt: zu Fuß, auf einem Boot und mit Bussen. Er hat viel gelernt und gearbeitet, erst die deutsche Sprache, dann für die Berufsschule, und jetzt lernt der 19-Jährige alles, was ein Kaufmann für Büromanagement wissen muss. Das neue Leben in Deutschland ist seine Chance. Die will er unbedingt nutzen.

Barry stammt aus dem westafrikanischen Guinea. Vor drei Jahren floh er. Acht Monate lang ging es für ihn durch Marokko, über das Mittelmeer nach Spanien, Frankreich und Belgien – und schließlich bis nach Bochum. Er hatte kein Geld, er wusste nicht, wo er ankommen würde, nicht wie sein zukünftiges Leben aussehen würde. „Ich wollte einfach nur aus meiner Heimat weg und in ein besseres Leben“, sagt er. Sein Heimatland kommt seit Jahrzehnten nicht zur Ruhe: Teile des Landes gelten seit mehr als 20 Jahren als Rückzugsgebiet für verfeindete ehemalige Kämpfer aus Liberia und Sierra Leone. Für Spannungen sorgt auch eine explosive Mischung ethnischer und religiöser Gruppen: Immer wieder kommt es zu Misshandlungen, Überfällen und Unterdrückung zwischen Muslimen, Christen und anderen ethnischen Minderheiten. Barrys Eltern sind tot. Sein Bruder ist in Guinea zurückgeblieben, sie telefonieren manchmal miteinander. Was genau vor seiner Flucht vorgefallen ist, darüber möchte der 19-Jährige nicht sprechen, sagt er. Er habe die Erlebnisse noch lange nicht verarbeitet.

Im Ruhrgebiet angekommen

Von Deutschland hatte Ahmed Barry damals keine Vorstellungen. Als Fußballfan waren ihm Borussia Dortmund, Bayern München ein Begriff. „Ich dachte, es wäre eine gute Idee, nach München zu gehen“, sagt der 19-Jährige. „Aber als ich im Bus in Bochum ankam, sagte der Busfahrer, das sei jetzt die Endstation und jeder müsse aussteigen. So bin ich hier geblieben.“ Heute weiß er: Es war eine gute Entscheidung. Der 19-Jährige ist im Ruhrgebiet inzwischen angekommen. Er ist aus einem Wohnheim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ausgezogen und wohnt inzwischen bei einer Pflegemutter, die an einem Gymnasium Deutsch unterrichtet. Jeden Morgen schlüpft er in ein frisches Hemd, einen Anzug, eine Krawatte und geht zur Arbeit, in seine neue Heimat Q1. Nur am Freitag, da ist Casual Friday und der Dresscode ist ein bisschen lockerer.

thyssenkrupp hat für Flüchtlinge wie Barry mehr als 350 zusätzliche Ausbildungsstellen und hunderte Praktikumsstellen geschaffen. Wer einsteigen will, muss genau wie alle anderen im Vorstellungsgespräch die eigenen Stärken präsentieren und deutlich machen, wie wichtig ihm die Stelle ist. Auch Ahmed Barry saß im Sommer vergangenen Jahres in so einem Vorstellungsgespräch, es war das erste seines Lebens. „Ich war sehr nervös“, sagt er. „Dabei hatte ich so viel dafür geübt.“ Mit einem Notenschnitt von 1,7 am Berufskolleg, seinem Lebenslauf und seinem Bewerbungsschreiben überzeugte der junge Flüchtling schließlich im Gespräch.

„Hier wird mir eine Chance gegeben.“

Seitdem arbeitet er wie viele andere Auszubildende alle drei Monate in einer neuen Abteilung, freut sich über hilfsbereite Kollegen, die ihm für seine Aufgaben die Zeit geben, die er braucht. „thyssenkrupp ist ein Motor für die Integration“, sagt er. „Hier wird mir eine Chance gegeben.“ Es sind Sätze, die dem 19-Jährigen leicht  über die Lippen kommen.   Eigentlich will er noch viel mehr erzählen, er will deutlich machen, was ihm seine Kollegen und sein Arbeitsplatz bedeuten, aber nicht jede schwierige Formulierung liegt ihm immer sofort auf der Zunge, und das ärgert ihn. Perfektion ist wichtig, und Sprache muss besonders perfekt sein. Also erklärt er, was seiner Ansicht nach alle Flüchtlinge verinnerlichen sollten: „Sie dürfen nicht aufgeben und müssen immer weiter machen, Selbstvertrauen entwickeln, fleißig sein. Sie müssen die Schule besuchen. Und wenn ihnen eine Möglichkeit gegeben wird, dann müssen sie mit beiden Händen danach greifen und etwas daraus machen.“

Ahmed Barry hat genau das gemacht und seine Chance genutzt. Seine Wünsche für die Zukunft sind vergleichsweise bescheiden: Er möchte gerne perfekt Deutsch sprechen, auf keinen Fall arbeitslos werden und eine gute Qualifikation erwerben. Und er möchte in einer eigenen Wohnung wohnen, vielleicht sogar eine Familie gründen. Zu essen gibt es dann vor allem Fisch mit Reis. Das ist im Gegensatz zu Roggenbrot nämlich sein Lieblingsgericht in Deutschland.