Neue Heimat #3

Menschen bei thyssenkrupp | Der 25-Jährige Amir Al Rabbat floh aus seiner Heimat Damaskus bis nach Essen. Bei thyssenkrupp hat er einen neuen Beruf gefunden – und eine Heimat.

Amir Al Rabbat hat schon in Damaskus von thyssenkrupp gehört. Damals studierte er BWL, wollte gerade in seine eigene Wohnung ziehen und hatte einen Termin zur Besichtigung. Die Wunschwohnung war außergewöhnlich teuer, fand der Syrer – und erkundigte sich bei dem Vermieter, was denn so besonders sei. Die Antwort: Der Aufzug im Haus stamme von thyssenkrupp, einem deutschen Unternehmen, er sei besonders hochwertig. „Ich habe Zuhause erstmal thyssenkrupp gegoogelt“, sagt der 25-jährige Syrer. „Der Aufzug war wirklich besonders. Normalerweise wird in Syrien vor allem chinesische Technik verbaut.“

Heute arbeitet Amir Al Rabbat selbst bei thyssenkrupp in Essen – als angehender Industriekaufmann. In seiner Heimat wütet seit 2011 ein Bürgerkrieg, fast eine halbe Million Menschen sind seitdem getötet worden oder gelten als vermisst. Die Hauptstadt Damaskus blieb lange von den heftigsten Kämpfen verschont, seit einigen Jahren liefern sich jedoch auch hier Truppen des Präsidenten Baschar al-Assad und Rebellen erbitterte Kämpfe. Amir Al Abbat gehörte zu denjenigen, die früh in Damaskus auf die Straße gingen, um gegen Assad zu demonstrieren. Als er erfuhr, dass er deswegen festgenommen werden sollte, verließ er innerhalb von zwei Stunden die Stadt. Er kehrte nicht einmal in seine Wohnung zurück, um persönliche Gegenstände zu holen – das Risiko einer Verhaftung war ihm schlicht zu hoch. Über das Mittelmeer floh er in die Türkei, nach Griechenland und schließlich nach Deutschland, innerhalb von nur sechs Wochen. „Ich wollte entweder nach Deutschland oder nach Holland, weil ich in beiden Ländern schon Freunde hatte“, sagt er. „Auf der Flucht hatte ich viel Glück, nicht so lange in Griechenland festgehalten zu werden wie viele andere. Sechs Wochen sind vergleichsweise schnell.“ Zurück blieben seine Familie, sein Leben als normaler Student, seine zerstörte Heimat. Flüchtling

Al Rabbat kam in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November 2015 in Deutschland an. Er weiß das noch so genau, weil gerade Halloween war: In einem kleinen ostdeutschen Ort sah er zum ersten Mal in seinem Leben verkleidete erwachsene Menschen – und Betrunkene, die ihn um ein um Zigaretten anbettelten. „Die waren komplett blau“, sagt der Syrer. Er fragte bei der örtlichen Polizei nach einem Schlafplatz und wurde in ein Wohnheim geschickt. Auf der Suche nach der Unterkunft fuhr er aber nicht wie geplant in die kleine Stadt Eisenberg in Thüringen, sondern versehentlich in das kleine, rheinland-pfälzische Eisenberg, 500 Kilometer entfernt. Er schlief eine Nacht an der Bushaltestelle und eine Nacht in einem Obdachlosenheim – fühlte sich heimatlos. Bekannte berichteten von Pegida-Märschen vor Flüchtlingsheimen, von rechtsextremen Übergriffen, von Gewalt. Der Syrer bekam Angst. „Das war eine sehr schwierige Zeit für mich“, sagt er. Schließlich floh er nach Essen, zu Freunden, und fand schnell eine eigene Wohnung. Von da an ging es bergauf: Eine Stiftung stellte den Kontakt zu thyssenkrupp her und half beim Erstellen der Bewerbungsunterlagen.

Inzwischen spricht Al Rabbat hervorragend Deutsch und braucht schon lange keinen Kurs mehr. „Ich weiß jetzt, wie der Hase läuft“, sagt er und lacht. Die Arbeit gefällt ihm, er schätzt die Kollegen und die abwechslungsreichen Aufgaben. Außerhalb des Unternehmens fährt er gerne Fahrrad, was in Syrien eigentlich nur bei Kindern populär ist. Er spielt Theater und trifft sich mit seinen Arbeitskollegen einmal in der Woche auf dem Bolzplatz. Nicht alles, was in Deutschland üblich ist, kann er nachvollziehen: Die FKK-Kultur ist ihm suspekt, auch mit offenen Beziehungen kann er nicht viel anfangen. „Aber das ist nicht schlimm, finde ich“, sagt Al Rabbat.

Ich kann wie alle anderen hier entscheiden, was ich machen möchte. Die deutschen Gesetze schützen meine Rechte. Wenn ich abends weggehen oder in der Moschee beten will, dann kann ich das einfach machen. Niemand hindert mich daran.

Bei all der Freiheit vermisst er manchmal seine Heimat, seine syrischen Freunde, die Mentalität. Trotz ihrer Hilfsbereitschaft seien viele Deutsche vergleichsweise verschlossen, sagt er. In Syrien ist es durchaus üblich, mehrere Hundert Freunde zu haben: Es gibt große Gruppen, die regelmäßig Kontakt haben, neue Leute werden gern aufgenommen. Hier hat der Syrer drei oder vier gute Freunde. „Ich finde es auch sehr schade, dass viele Ausländer kaum Deutsch sprechen und keinen einzigen deutschen Freund haben“, sagt er. „Dieses gegenseitige Abgrenzen ist nicht gut. Es öffnen sich doch gerade bei Freunden aus ganz verschiedenen Gegenden neue Perspektiven und Blickwinkel auf das Leben.“