Nachhaltigkeit macht innovativ

Professor Hans Joachim Schellnhuber, Leiter des Potsdam-Institut zu Klimafolgenforschung (PIK) und weltweit einer der renommiertesten Klimaforscher, und Dr. Reinhold Achatz, Technologiechef der thyssenkrupp AG, über die Chancen, die Nachhaltigkeit der Wirtschaft bietet. Der Schauplatz: der Telegraphenberg in Potsdam einer der ältesten wissenschaftlichen Einrichtungen Deutschlands. Mitte des 19. Jahrhunderts ließ der preußische König hier Observatorien errichten, später wurde der Hügel zur Station in der Telegraphenkette zwischen Berlin und Koblenz. Der Einsteinturm erinnert an Albert Einstein, der hier wirkte. Eine der ältesten durchgängig betriebenen meteorologischen Messstationen hat hier ihr Zuhause. Heute forschen und arbeiten auf dem Telegraphenberg Institute wie das PIK.

 

Wo liegen die Chancen aus der Verbindung zwischen Nachhaltigkeit und Wirtschaft?

Schellnhuber: Nachhaltigkeit heißt heute zunächst einmal, dass es künftigen Generationen mindestens genauso gut gehen sollte wie uns selbst. Das kann eigentlich jeder unterschreiben. Aus Sicht der Naturwissenschaft muss man dafür aber bestimmte Leitplanken und Grenzen beachten: Die Rohstoffe auf unserem Planeten sind eben endlich. Diese Leitplanken sollten auch Orientierung geben für die Wirtschaft – wie sie funktionieren, wie sie sich entwickeln kann. Ich bin mir sicher, dass diejenigen, die unsere planetarischen Grenzen rechtzeitig erkennen, später auch das bessere Geschäft machen werden. Wenn ich das Notwendige erkennen und es dann in Chancen ummünzen kann, dann habe ich als Unternehmen Nachhaltigkeit richtig interpretiert.

Achatz: Auch wir sagen: Wenn unsere Produkte und Lösungen nicht nachhaltig sind, wird es das Unternehmen auf lange Sicht nicht mehr geben. Beim Thema Rohstoffe setzen Firmen wie thyssenkrupp zunehmend auf Kreislaufprozesse mit Mehrfachnutzung und Recycling.

Schellnhuber: Es braucht auf jeden Fall eine Entwicklung, die Prozesse wirklich zu Ende denkt. Wenn ich etwa über Kreisläufe nachdenke, muss ich neben den Quellen, den Rohstoffen, natürlich auch über Senken nachdenken. Alles deutet insbesondere darauf hin, dass wir nur noch ein endliches Kohlenstoffbudget haben: Unsere gesamte Zivilisation darf insgesamt noch etwa 1.000 Milliarden Tonnen CO2 emittieren, wenn wir die globale Erwärmung auf maximal zwei Grad Celsius begrenzen wollen. Da muss man schon fragen: Wie schnell können große Emittenten wie thyssenkrupp ihren Kohlendioxid-Ausstoß reduzieren?

Achatz: Wir betrachten den gesamten Lebenszyklus unserer Produkte, Anlagen und Services, unter anderem unter dem Gesichtspunkt, was mit den Zwischenstufen und dem Endprodukt in puncto Wiederverwendung möglich ist. Wenn ein Unternehmen das tut, ist das auch wirtschaftlich sehr attraktiv. Vielleicht ein Beispiel unserer Aktivitäten: Am Standort Leuna arbeiten wir daran, aus nachwachsenden Rohstoffen – und zwar nicht essbaren – die Basis für biologisch abbaubare Kunststoffe zu schaffen, die in relativ kurzer Zeit „von alleine“ in natürliche Stoffe zerfallen. Hinzu kommt das Thema Energieeffizienz, das auch wir als thyssenkrupp ganz intensiv vorantreiben. Energieeffizienz reduziert natürlich erst einmal unseren Stromverbrauch und den CO2-Ausstoß. Maßnahmen zur Energieeffizienz erhöhen aber zugleich in vielen Prozessen die Gesamteffizienz, was wiederum Kosten spart: Und damit haben wir wieder die Verbindung aus Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit.

Schellnhuber: Gerade für eine fortgeschrittene Wirtschaft ist doch die Frage, ob man sich als Teil eines „race to the bottom“ oder eines „race to the top“ sieht. Immer wieder heißt es da: Wenn wir in unsere Produktion zu viel an Nachhaltigkeit einpreisen, dann gewinnen eben die viel schmutzigeren Konkurrenten. Aber die Frage ist doch: Will ich nicht lieber Teil der Wirtschaft von morgen sein, auch wenn das bedeutet, dass ich zunächst und heute einen Teil der Wirtschaftlichkeit einbüße? Als Teil der neuen Wirtschaft werde ich irgendwann viel mehr Gewinne machen – denn ich werde aufgrund meiner zukunftsgewandten, nachhaltigen Ausrichtung noch da sein, während die anderen schon nicht mehr auf dem Markt existieren.

Achatz: Das Spannende ist der Übergang. Wie komme ich von der heutigen Welt in die künftige Welt? Es ist eine Frage der Kreativität, wie wir den Übergang gestalten. Aus meiner Sicht kommt es darauf an, neue Systemzusammenhänge zu schaffen und diese Systeme ganzheitlich zu optimieren. Genau das versuchen wir gerade mit dem Projekt PLANCK. Unsere Idee – zusammen mit der Max Planck-Gesellschaft und anderen Partnern aus dem Chemie- und Energiesektor – ist es, ein Stahlwerk als Teil einer Chemiekette zu betrachten. In einem Stahlwerk entstehen neben Stahl auch Hüttengase. Die enthalten CO2, CO und Wasserstoff, Methan oder auch Stickstoff. Das sind Rohstoffe, auch das CO2! Natürlich nicht im Stahlbereich. Aber man kann aus Wasserstoff und Stickstoff Ammoniak erzeugen und daraus etwa Düngemittel machen. Auch die Herstellung künstlicher Treibstoffe ist möglich. Dafür brauchen wir mehr Wasserstoff als bei der Stahlproduktion ohnehin entsteht. Der ließe sich durch Elektrolyse erzeugen, wobei wir den dafür nötigen Strom aus erneuerbaren Quellen beziehen wollen. Mit den Technologien, die wir mit PLANCK entwickeln, ließe sich im Grundsatz nahezu das gesamte CO2 aus Hüttengasen umwandeln.

Schellnhuber: Solche Ansätze sind in der Tat faszinierend: Systemlösungen sind sehr spannend und haben viel Potenzial.

 

Stellen Sie jetzt schon Reaktionen auf dem Kapitalmarkt fest?

Achatz: In der letzten Hauptversammlung wurden mehrere Innovationsthemen genannt, eines davon war eben das Thema stoffliche Verwertung von Hüttengasen, ein weiteres waren die biologisch abbaubaren Kunststoffe. Der Kreis der Anleger, die sich für Nachhaltigkeitskriterien interessieren und sich daran orientieren, wird immer größer.

Schellnhuber: Es gibt immer mehr institutionelle Anleger, die sich ebenso wie die Zivilgesellschaft mehr und mehr für „grüne“ Kriterien interessieren. Und genauso kann natürlich ein ganz normaler Bankkunde fragen: Wo legt ihr eigentlich mein Geld an? Früher oder später  wird es Unternehmen bei privaten Anlegern aufwerten, wenn sie nachhaltig investieren und handeln. Das ist kein Top-Down-Prozess, sondern ein Prozess, der sich von innen heraus ergibt: Sieht sich ein Unternehmen als Teil des Problems oder Teil der Lösung?

Achatz: Ich glaube, der Prozess ist schon weiter fortgeschritten, als Sie es gerade darstellen. Wir haben als thyssenkrupp schon längst ein Nachhaltigkeitsreporting als einen wesentlichen Teil unseres Gesamtreportings. Und das wird auch nachgefragt.

 

Wo liegen heute oder in naheliegender Zukunft die Märkte für nachhaltige Lösungen?

Achatz: Ich habe für uns einen Satz formuliert: Wir müssen nachhaltige Lösungen für unsere Kunden nachhaltig erzeugen. Unsere Kunden werden bei Produkten, Services und Lösungen Nachhaltigkeit nachfragen.

Schellnhuber: Zum Teil müssen die nachhaltigen Märkte auch noch geschaffen werden: Potenzielle Kunden müssen vielleicht erst noch davon überzeugt werden, dass sie einer Sache bedürfen, die bislang noch keine Rolle für sie gespielt hat. Das ist auch Pionierarbeit – nehmen Sie zum Beispiel Städte wie Berlin, das sich bis 2050 zu einer klimaneutralen Stadt entwickeln will, also eine kohlenstoffbasierte Energiewirtschaft hinter sich lassen will.

 

Noch einmal zum Thema „Senken“: thyssenkrupp hat ja ein umfassendes Energieeffizienzprogramm…

Achatz: Ja, das stimmt. Wir sind gerade dabei, Ziele fürs Jahr 2020 festzulegen.

Schellnhuber: Und wie werden die ausfallen?

Achatz: Im Rahmen des Programms haben wir über ein halbes Jahr einzelne Firmen und Anlagen innerhalb es Konzerns untersucht. In einem weiteren Schritt haben wir das Einsparpotenzial in festgelegten Technologiegruppen definiert. Daraus werden wir einen rational nachvollziehbaren Wert für den gesamten Konzern bestimmen. Dieser Wert ist dann die Basis für eine informierte Managemententscheidung.

 

Wie sieht es mit den politischen Rahmenbedingungen in Deutschland aus?

Achatz: Wir reden hier über Investitionsentscheidungen, die einen Horizont von acht oder zehn Jahren haben. Momentan ist hier an ganz vielen Stellen nicht klar, unter welchen Rahmenbedingungen wir in einigen Jahren leben werden. Deshalb brauchen wir klare Commitments der Regierung.

Schellnhuber: Die EU will bis 2030 40 Prozent CO2 einsparen gegenüber 1990, was für Deutschland wahrscheinlich 50 Prozent bedeuten wird. Das ist doch mal eine Ansage. Meiner Meinung nach wird der Weg in die Dekarbonisierung dann sehr schnell gehen. Sie können industriehistorisch betrachtet langfristig einfach nicht zwei verschiedene Systeme parallel fahren.

Achatz: Wobei Dekarbonisierung nicht heißt, keinen Kohlenstoff mehr zu verwenden, sondern ihn in den Kreislauf zurückzuführen.

Schellnhuber: Das kann ein Weg sein. Wichtig ist, dass der Ausstieg aus den Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts erledigt ist. Ich will noch einmal daran erinnern, dass uns beim Klima tatsächlich die Zeit davon läuft. Wenn wir die Klimaproblematik nicht in den Griff kriegen, wird es auch kein nachhaltiges Wirtschaften geben auf diesem Planeten. Ich kenne die Debatten in der Wirtschaft sehr gut: Sie macht gerne alles mit, solange nur alle weltweit dieselben Wettbewerbsbedingungen haben. Das kann und wird aber leider nie passieren. Länder wie Deutschland können dennoch mit gutem Beispiel vorangehen, auch wenn andere Länder zunächst noch laschere Vorschriften haben.

Achatz: Vergessen wir dabei eines nicht: thyssenkrupp ist ja in Deutschland genauso wie in den USA, in China oder Südamerika aktiv. Wir wollen unsere Nachhaltigkeitstechnologien auf der ganzen Welt durchsetzen. Beispielsweise gibt es ja nicht nur in Duisburg bei thyssenkrupp Stahlwerke. Die Wiederverwendung von Hüttengasen sehen wir als eine Geschäftsmöglichkeit in der weltweiten Stahlindustrie. Und als ein Beispiel dafür, wie wir mehr Geschäft generieren, wenn wir nachhaltige Angebote haben.

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