Nach 30 Jahren ohne Kontakt: Ex-Azubis stehen zu ihrem Wort

Geschichte | Menschen bei thyssenkrupp | Ein Versprechen bleibt ein Versprechen – auch wenn es 30 Jahre alt ist. Auch, wenn Anke und Karin zwischenzeitlich über Jahrzehnte keinen Kontakt hatten. Auch, wenn sie völlig unterschiedliche Wege gegangen sind, inzwischen in ganz unterschiedlichen Teilen von Deutschland leben. Mit 19 Jahren versprechen sich die beiden damaligen Auszubildenden ein Wiedersehen unter dem Eiffelturm in Paris, am 1. September 2019. Ganze 30 Jahre später.

Bei einigen Menschen merkt jeder von uns gleich: Da stimmt die Wellenlänge. Die Gespräche sind von Beginn an natürlich, die Zeit kurzweilig. Genau so ergeht es Anke und Karin, als sie sich in der Ausbildung bei Orenstein&Koppel, einer Vorgängerfirma von thyssenkrupp, kennenlernen. Anke als Auszubildende im zweiten Lehrjahr, Karin bereits im dritten Jahr bei O&K. „Wir haben jede Mittagspause zusammengesessen und gequatscht. Und wenn ich mal etwas nicht wusste oder Hilfe brauchte, konnte ich immer Karin fragen“, erinnert sich Anke.

Das Treffen unter dem Eiffelturm in Paris: Anke und Karin halten ihr Versprechen

Auch 30 Jahre später stimmt die Chemie zwischen Anke und Karin noch immer. Dass sie ihr Versprechen halten wollen, war beiden immer klar

Jede Mittagspause verbrachten sie gemeinsam – aber ein Ende der Ausbildungszeit war für Anke und Karin absehbar. Karin würde im Januar 1990 ihre Ausbildungsprüfung ablegen, ihre Wege sich danach trennen. Dass sie sich trotzdem wiedersehen wollten, stand für die beiden angehenden technischen Zeichnerinnen fest. Deshalb kamen sie am 7. Juli 1989 auf eine außergewöhnliche Idee.

Versprechen wurde auf den Zeichenrollen schriftlich festgehalten

Der 1. September 2019 sollte der Tag ihres Wiedersehens werden – immerhin mehr als 30 Jahre später! Hinter dem Datum steckt zum einen der Beginn ihrer Ausbildung am 1. September, zum anderen würden sie 2019 beide 50 Jahre alt werden. Für ihr feierliches Wiedersehen fehlte nur noch ein ebenso feierlicher Ort. „Ich weiß heute nicht mehr genau, wer auf die Idee kam und wie wir auf den Ort kamen“, sagt Anke. Sie hielten den Eiffelturm in Paris fest, schriftlich, direkt neben den Daten. Das Versprechen der beiden zierte daraufhin die Zeichenrollen von Anke und Karin.

30 Jahre lang Funkstille können einem Versprechen nichts anhaben

Tatsächlich waren es aber diese Rollen, die Anke und Karin über die Jahre immer wieder an ihr Versprechen erinnerte. Denn nach der Ausbildung zog Karin von Ennigerloh im Münsterland in den Süden nach München. „Das waren noch andere Zeiten damals. Wir hatten keine sozialen Netzwerke oder WhatsApp, noch nicht einmal die Möglichkeit, oft zu telefonieren. Deshalb riss der Kontakt schnell ab“, sagt Anke heute.

Karin und Anke mit ihren Zeichenrollen vor dem Eiffelturm

Karin, links, und Anke, rechts, haben ihre Versprechen auf ihrer Zeichenrolle festgehalten.

Ganze 30 Jahre haben die beiden Frauen nicht ein einziges Mal miteinander gesprochen. Keinerlei Kontakt, kein Anruf, keine E-Mail, kein Brief. Das Einzige, was sie miteinander verband, stand auf ihrer Zeichenrolle: 1. September 2019, 13 Uhr, Eiffelturm.

Dementsprechend wichtig waren die Zeichenrollen für beide Frauen. „Bei jedem Umzug hat mein Mann mich gefragt: ‚Sag mal, muss die auch mit?‘ Und ich habe geantwortet: ‚Natürlich muss die mit.“

Eine so unglaubliche Geschichte, dass sie selbst enge Freunde nicht glauben können

In Ankes Bekanntenkreis glaubte kaum jemand an das Wiedersehen in Paris. ‚Die kommt nie‘, haben sie gesagt.“ Anke aber war immer sicher, dass Karin kommen würde. Aber: „Ganz sicher kann man nie sein. Was, wenn es Karin gesundheitlich nicht gut geht? Oder sie verhindert ist?“

Entsprechend aufgeregt fährt sie gemeinsam mit ihrem Mann nach Paris. „Wenn sie nicht kommt, haben wir immerhin ein schönes Wochenende gemeinsam dort“, sagen sie sich. Um 11:30 Uhr stehen sie am Sonntag gemeinsam in der Schlange zur Sicherheitskontrolle. Mit dabei: die Zeichenrolle.

Ein lang erwartetes Wiedersehen unter dem Eiffelturm

Diese Zeichenrolle ist kein Gegenstand, der lange unbemerkt bleibt. Angestellte kommen auf Anke und ihren Mann zu und erfahren so von dem geplanten Treffen. So kommt es, dass gemeinsam mit Anke auch etliche Sicherheitsbeauftragte, Fotografen und Tourguides Ausschau halten nach einer weiteren Frau mit einer Zeichenrolle.

Das Versprechen auf den Zeichenrollen

Ein schriftliches Versprechen – 30 Jahre später eingelöst.

Zwischen all den verliebten Pärchen, Reisegruppen und Familien hat Anke kurzzeitig sogar Angst, sie könnte Karin niemals wiederfinden. Aber dann geht alles sehr schnell – nur einen Meter von Anke entfernt läuft eine Frau vorbei. „Guck, die hat eine Zeichenrolle“, sagt ihr Mann. Dreimal ruft Anke ihren Namen, bevor Karin sich umdreht – und sie sich nach 30 Jahren das erste Mal wieder gegenüberstehen.

Die Chemie stimmt bis heute

Auf den zweiten Blick scheinen sie sich beide nicht verändert zu haben. Und auch die Chemie stimmt noch immer. Wie in alten Zeiten in der Mittagspause kommen sie aus dem Lachen kaum mehr heraus. Und auch die Zeit vergeht wie im Flug. Sechs Stunden lang schwelgen Anke und Karin in Erinnerungen und tauschen gemeinsam mit ihren Ehemännern aus, was sie in 30 Jahren verpasst haben.

Bis zum nächsten Mal wollen sie sich nicht wieder so viel Zeit lassen. „Auch wenn kurz im Raum stand, ob wir das nächste Treffen wieder in 30 Jahren ansetzen wollen. Ein Treffen mit 80 Jahren, das wäre doch echt eine Nummer“, sagt Anke lachend. Das halten sie dann doch nicht aus. Im nächsten Jahr treffen sie sich wieder – und die Handynummern haben sie inzwischen ebenfalls ausgetauscht.

Autor

Tini
  • geschrieben von Tini
  • 9. Oktober 2019

Sooooo schööööön, dass es solche Dinge noch gibt. Ich hab mich für meine Schwester so gefreut. Mädels das habt ihr supi gemacht! ♥️

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