Industrie 4.0: Interview mit Prof. Henning Kagermann

Zukunft der Produktion | Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft derTechnikwissenschaften über die Zukunft der Industrie

Warum ist Industrie 4.0 ein so wichtiges Thema?

Kagermann: Weil Unternehmen dadurch individualisierte Produkte zum Preis eines Massenproduktes herstellen können, was ihnen eine neue Dimension der industriellen Fertigung eröffnet. Hinzu kommt ein hohes Maß an Flexibilität, sodass ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber Schocks in den volatilen Weltmärkten steigt. Und schließlich können wir wieder mehr Produktion zurück in unser Hochlohnland holen, weil in der Industrie 4.0 das Wissen und Können zählen. Auch die Umwelt profitiert von Industrie 4.0: Nach Schätzungen könnte die Ressourceneffizienz in der Fertigung um 30 bis 40 Prozent steigen.

Wodurch lässt sich das erreichen?

Zum einen durch die weitere Verschmelzung der realen und der virtuellen Welt über die Cyber-physischen Systeme. Dadurch wird es künftig für jedes Objekt ein digitales Modell geben, mit dem wir im virtuellen Raum viele Dinge tun können. Beispielsweise werden viel bessere Simulationen der Produkte und der Produktionsprozesse möglich, sodass weniger Energie und Ressourcen für Testläufe eingesetzt werden müssen. Ebenfalls neu ist die zunehmende Vernetzung innerhalb der Fertigung und entlang der Wertschöpfungsketten. Das führt zu einem noch höheren Grad an Automatisierung, einer besseren Fertigungsqualität, schnelleren Innovationszyklen und einem geringeren Ressourcenverbrauch. Da sich alle physischen Objekte über das Internet miteinander verbinden lassen, können wir zum Beispiel die Just-in-Time-Logistik noch besser machen und Maschinenausfälle durch vorausschauende Wartung verhindern. Beides verhindert Leerläufe in der Produktion und spart damit Ressourcen.

Die Fertigungssteuerung der Zukunft soll dezentral und autonom ablaufen. Wie realistisch ist dieses Szenario?

Das ist die logische Konsequenz aus dem Industrie 4.0-Ansatz, denn die zunehmende Vernetzung und eine zentrale Fertigungssteuerung vertragen sich nicht miteinander – ein solches System wäre zu starr und unflexibel. Darum werden sich in Zukunft die klassischen Steuerungspyramiden auflösen: Die Intelligenz wird in kleine Einheiten wie Werkzeugträger oder Transportmittel wandern, die autonom interagieren. In diesem Sinne gleicht Industrie 4.0 einer kopernikanischen Wende. Die Selbstorganisation der Fertigung ist der einzige Weg, um Industrie 4.0 umzusetzen.

Droht den etablierten Anbietern von zentralen Steuerungssystemen der Fall in die Bedeutungslosigkeit?

Das glaube ich nicht, denn diese Unternehmen haben in den letzten Jahrzehnten sehr viel Know-how und praktische Erfahrung gesammelt, und sie verstehen die Prozesse in der Fertigung genau. Denkbar ist aber, dass sich neue Anbieter lukrative Teile aus der Wertschöpfungskette herausgreifen und besetzen. Das habe ich bei SAP bei den ERP-Systemen erlebt: Salesforce hat im Customer Relationship Management ein kleines und sehr attraktives Segment besetzt und die weniger attraktiven Teile anderen überlassen. Das kann auch bei Industrie 4.0 geschehen. Dazu trägt bei, dass wir heute verschiedene Basisdienste über softwaredefinierte Architekturen miteinander kombinieren können. Das macht es neuen Anbietern leichter, sich einzelne Filetstücke herauszugreifen.

Wie stark ist Deutschland bei zentralen Technologien für Industrie 4.0?

Bei einigen sind wir weltweit führend. Unsere Unternehmen sind sehr stark bei eingebetteter Software, die Maschinen oder Autos steuert. Außerdem verstehen wir viel von Unternehmens-Software, die für die vertikale Integration der Daten von großer Bedeutung ist. Hinzu kommt unser großes Know-how bei semantischen Technologien für die Maschine-zu-Maschine-Kommunikation und bei der Echtzeitanalyse großer Datenmengen. Was uns etwas fehlt, sind große Anbieter von Internet-Technologien und Cloud Computing sowie das Gespür für den B2C-Markt – das ist aber besonders wichtig, weil mit Industrie 4.0 auch individuelle Produkte möglich werden. Mehr noch, die Kunden werden weniger isolierte Produkte oder Dienstleistungen nachfragen, sondern sich individuelle Pakete aus Produkten, Diensten und Dienstleistungen zusammenstellen: Smart Services. Beispielsweise verliert das eigene Auto für junge Menschen an Bedeutung – sie kombinieren Car-Sharing und die anderen Verkehrsformen bedarfsweise, um bequem von A nach B zu kommen. Auf diese intelligenten Dienste und Geschäftsmodelle wird es ankommen. Erfolgreich kann nur sein, wer Smart Services und Industrie 4.0 intelligent miteinander kombiniert.

Auch andere Länder beschäftigen sich mit der Fertigung der Zukunft. Kann dieses Rennen nur einer gewinnen?

Nein, es werden sich mehrere Standorte etablieren. Unsere Aufgabe in Deutschland ist es, an der Spitze der Entwicklung zu bleiben und die Technologie erfolgreich umzusetzen. Wir sollten ein Leitmarkt der Industrie 4.0 sein – sonst werden wir im Ranking der wettbewerbsfähigsten Nationen schnell nach hinten durchgereicht. Und wir sollten ein Leitanbieter modernster Produktionstechnologien bleiben. Von Industrie 4.0 hängen darum auch unser Wohlstand und die künftige Vollbeschäftigung ab. Es ist also keine Option, nicht erfolgreich zu sein.

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