Ein Dämpfer 
für alle Fälle

Ingenieurskunst | Brücken, Spielplätze, Gabelstapler: Ein kleines thyssenkrupp Bilstein-Team entwickelt in Ennepetal Stoßdämpfer für die ungewöhnlichsten Einsatzzwecke.

Wenn Russen zeigen wollen, was sie von ihrer Hauptstadt halten, sagen sie: „Ach, Moskau ist weit weg“. Und das meinen sie durchaus auch geografisch: Über 17 Mio. Quadratkilometer erstreckt sich Russland, das entspricht der Fläche von ganz Südamerika. Deswegen ist Fliegen dort alltäglich – aber auch gefürchtet. Die Landungen auf dem Dauerfrostboden der Tundra schütteln Passagiere kräftig durch. Der Flugzeughersteller Diamond Aircraft, der spezielle Tundra-Maschinen für die Pilotenausbildung in Russland entwickelt, suchte daher nach einer Lösung für sanfte Landungen und Starts. Er fand sie bei thyssenkrupp Bilstein in Ennepetal – seit 90 Jahren der Hersteller von Stoßdämpfern und Federn für Millionen Serienautos und Rennwagen in aller Welt.

Im Hauptwerk hat sich ein siebenköpfiges Team aus der Division Aftermarket darauf spezialisiert, Dämpfer auch für ungewöhnliche Einsätze zu bauen. Oft geht es nur um kleine Stückzahlen von einigen Dutzend bis wenigen Tausend Exemplaren. „Wir bauen alles, was es nicht von der Stange gibt“, erklärt Teamleiter Uwe Kausch. Für die Russland-Flugzeuge entwickelte das Team ein Feder-Dämpfer-Modul für das Bugrad der kleinen Zwei- bis Sechssitzer – bislang gab es das nur bei großen Passagierjets. „Keiner von uns hatte Erfahrungen mit Flugzeugen“, erzählt Kausch. Also studierten sie Konstruktionspläne und technische Anforderungen. Dann entwickelten sie Prototypen auf Basis des Feder-Dämpfer-Moduls für einen Lotus-Sportwagen. Der Kunde war zufrieden: Rund 1.000 Stück soll Bilstein nun an den Weltmarktführer von Kleinflugzeugen liefern.

Äußerlich sehen die Spezial-Dämpfer ganz normal aus: Es handelt sich um Einrohr- und Zweirohrdämpfer, mit einer Länge zwischen 300 und 800 Millimetern, elektronisch geregelte Dämpfer, komplette Feder-Dämpfer-Module, Achsbeine oder auch Dämpfer mit externem Reservoir. Sie müssen jedoch für jede Einbausituation und Anforderung neu angepasst werden: Speziell gesicherte Fahrzeuge zum Beispiel benötigen Stoßdämpfer, die höchste Belastungen verkraften, wenn sie über kurvige Buckelpisten rasen. Gabelstapler wiederum bieten nur sehr wenig Platz für den Einbau, zudem dürfen sie möglichst nicht wippen, damit die Ladung nicht rutscht. Brücken haben armdicke Tragekabel, die selbst bei starken Böen nicht ins Schwingen geraten dürfen.

Jede Bestellung stellt das Team vor neue Herausforderungen und liefert zugleich Erfahrungen, die für den nächsten Auftrag nützlich sein können. Einen Auftrag, der zu klein wäre, gibt es nicht. So hatte vor ein paar Jahren die süddeutsche Stadt Heilbronn einen Kinderspielplatz gebaut. Neben Rutsche und Klettergerüst errichteten sie dort auch ein kleines Holzhaus auf vier riesigen Federn. Es wippte jedoch zu stark, Kinder hätten sich verletzen können. Also wurden nachträglich Dämpfer in Ennepetal geordert. „Es gibt Nischen, die nur dem ersten Anschein nach zu klein sind“, sagt Kausch. „Am Ende sind sie aber lukrativer, als man denkt.“

[…] interessierst du dich auch unsere weiteren Artikel zum Thema Dämpfer? „Ein Dämpfer für alle Fälle„, „Die fahrende Forschungsplattform für Komponenten“ und „BILSTEIN am […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.