Die Zukunft der Arbeit: Robo-Effizienz statt menschlicher Kreativität?

Digitalisierung und Industrie 4.0 | Smart Factory | Wissenswertes | Zukunft der Produktion | Wie wird die Arbeit in ferner Zukunft aussehen? Für diese schwierige Frage gibt es keine eindeutige Antwort. Aber wir können sagen, wie sie aussehen könnte – genau das tun wir mit unserer Foresight-Serie. In unserem zweiten Szenario steht Effizienz über allem: Die Produktion ist hochautomatisiert, die Fabriken sind menschenleer. Arbeiter braucht man nur noch zur Überwachung und für den Notfall – alles andere erledigen Maschinen.

In den Hallen für die Pilotfertigung des Elektro-Cabrios treffen wir wenige Menschen. Hier laufe praktisch alles automatisiert ab, sagt der Mitarbeiter, der uns durch die Produktionsanlage führt. „Die Kollegen überwachen und kontrollieren die Maschinen – meist aus der Ferne über Log-ins, nicht hier in der Fertigung.“ Ein typisches Bild in den Werken der Konzerne der 2030er-Jahre: Dank einer fast durchgängig automatisierten Produktion sind die Mitarbeiter weitgehend aus den Fabrikhallen verschwunden und können sich anderen Aufgaben widmen.

Könnte so die Fabrik der Zukunft aussehen? Für dieses Zukunfts-Szenario haben wir die vollständige Automatisierung der Produktion einmal konsequent durchgespielt.
Könnte so die Fabrik der Zukunft aussehen? Für dieses Zukunfts-Szenario haben wir die vollständige Automatisierung der Produktion einmal konsequent durchgespielt.

Es sind vor allem hochautomatisierte Maschinen, die hier ständig neue Produkte herstellen, um die Konsumgesellschaft mit günstigen Massenwaren zu versorgen. „Ich bin ein Firefighter“, so unser Führer. „Wir springen ein, wenn‘s irgendwo hakt. Dann müssen wir schnell sein, sonst steht die Fertigung. Aber die Maschinen teilen uns meist schon vorher mit, wo das Problem liegt. Die haben gute Selbstdiagnose-Fähigkeiten. Was zu tun ist, haben wir im Training durchgespielt. Digital natürlich, mit Avataren, Virtual Reality und unserer ‚What-if‘-Sofware im Cyberroom.“

Effizienz vor Kreativität

Er führt uns zu einem Nebenraum, mit Virtual-Reality-Displays an allen Seiten – offenbar der Cyberroom, in dem die Fertigungsprozesse simuliert werden und wo die reale Fertigung danach überwacht wird. Ein paar Mitarbeiter beobachten konzentriert, was auf den Displays passiert. Sie sind dafür verantwortlich, dass alle Prozesse mit maximaler Effizienz ablaufen und die Versorgung der Märkte gesichert ist. Da das System optimal läuft, sind Eigenverantwortung und Kreativität eher nicht gefragt. Spannende Erfahrungen machen die Menschen außerhalb der Arbeitszeit.

Kein Wunder, dass einer etwas mürrisch einwirft: „Ihr Feuerwehrleute langweilt euch wenigstens nicht – wir anderen hingegen sitzen hier nur herum und haben fast nichts zu tun, trotz Sechs-Schicht-Betrieb rund um die Uhr.“ Was er denn für einen Job habe? „Requirements Engineering Manager. Ich muss die Anforderungen an ein System oder einen Prozess beschreiben, Ausschreibungen organisieren, die besten Partner finden. Aber das ist sowieso alles recht standardisiert, und es gibt dafür eine Menge Tools und Bots, die einen Großteil der Arbeit erledigen. Ist schon schwierig, eine ganze Schicht lang volle Aufmerksamkeit zu bringen, aber moderne Methoden wie Gamification helfen uns dabei.“

In unserem möglichen Zukunftsszenario sind nur die Maschinen wirklich produktiv. Ihre wenigen menschlichen Kollegen übernehmen lediglich die Vorplanung, die Überwachung und einige Reparaturaufgaben.
In unserem möglichen Zukunftsszenario sind nur die Maschinen wirklich produktiv. Ihre wenigen menschlichen Kollegen übernehmen lediglich die Vorplanung, die Überwachung und einige Reparaturaufgaben.

„Wir werden nach Leistung bezahlt, nach Effizienz und Effektivität, mit all den ständigen KPI-Bewertungen, diesen Key Performance Indicators. „Du solltest froh sein, dass du überhaupt einen Job hast“, knurrt ein anderer. „Schau doch mal, wie viele Arbeitssuchende es weltweit gibt. Wann wurde denn hier der letzte Job für Menschen ohne besondere Qualifikation ausgeschrieben? Bestünde nicht ein Rest Skepsis gegenüber den intelligenten Maschinen, wären wir auch nicht mehr hier. Außerdem musst Du ja nicht arbeiten, wenn Du nicht willst.“

Freizeit statt Karriere

„Stimmt schon“, sagt der Anforderungsmanager. „Trotzdem sind die meisten von uns nur Rädchen in einem großen Getriebe. Der Markt ist immer am längeren Hebel. Er bestimmt, was wir zu tun haben, wann und wo. Aber immerhin verdienen wir ganz gutes Geld und können uns mehr leisten, als es das Grundeinkommen ermöglicht.“ Seit etwa zehn Jahren bekommt jeder Bürger vom Staat eine Minimalversorgung, die für den Lebensunterhalt und so manches Hobby und kreative oder soziale Engagement ausreicht – bezahlt wird das durch Steuern auf die Wertschöpfung der Firmen, die vor allem auf Maschinen statt Menschen setzen.

Wie es denn mit Karriere und Weiterbildung aussehe, fragen wir und blicken in die erstaunten Gesichter der Jüngeren. „Ach, Karrieren, die gibt es hier kaum. Das Konzept ist überholt. Hier unten gibt es nur wenige Spezialisten wie ihn.“ Er deutet auf den Feuerwehrmann. „Wir anderen brauchen keine großartige Ausbildung – nur ein bisschen Training on the Job. Danach holen wir uns alles aus der Cloud, aus Wikis, oder wir fragen die Bots.“

Wenig radikale Innovationen

Ob das auch ein Grund ist, warum es zwar viele neue Produkte mit veränderten Designs und Features gibt, aber kaum noch radikale Innovationen, die vor einigen Jahrzehnten noch als Heilsbringer galten? Fehlt es den Beschäftigten an Antriebskraft, an Kreativität und Freiheiten? Der Mitarbeiter, der sich vorhin so aufgeregt hat, lacht: „Freiheiten? Ganz im Gegenteil. So wie wir die Maschinen überwachen, werden wir auch überwacht. Mit Kameras und Körper-Scans bei Schichtbeginn und -ende, mit elektronischen Schlüsseln und Authentifizierungen, wenn wir uns irgendwo einloggen. “Das ist wohl notwendig, wenn reine Effizienz das oberste Ziel ist. Optimal eingestellte Prozesse müssen möglichst fehlerfrei laufen. So wird der Mensch zum Teil der Fabrik.

Maximale Effizienz statt Freiheit am Arbeitsplatz: In unserer Vision ist das Vertrauen von Unternehmen in die verbleibende menschliche Belegschaft begrenzt.
Maximale Effizienz statt Freiheit am Arbeitsplatz: In unserer Vision ist das Vertrauen von Unternehmen in die verbleibende menschliche Belegschaft begrenzt.

Die Zukunft der Arbeit – ein Foresight-Projekt von thyssenkrupp

Unser hier gezeigtes Szenario der hochautomatisierten Arbeitswelt fast ohne Menschen ist nur eine mögliche Zukunftsvision unserer Arbeit. Im Rahmen unseres Foresight-Prozesses haben unsere Experten Entwürfe ganz unterschiedlicher Zukünfte entwickelt. Sie beschreiben Zukunftswelten, die genauso eintreten könnten. Das heiß nicht, dass sie genauso eintreten werden. Es ist auch nicht so, dass unser aus vielen verschiedenen Fachexperten bestehende Foresight-Team bestimmte Szenarien bevorzugen würde. Wichtig ist ihnen allein, dass wir verstehen, was werden könnte – und so entscheiden zu können, wohin der Weg gehen soll. So ermöglicht die Foresight-Arbeit, unsere Zukunft aktiv zu gestalten.

„Die Foresight-Arbeit ist ein kontinuierlicher Prozess“

Die Komfortzone verlassen und über den Tellerrand hinausblicken: Dazu lädt der Foresight-Prozess ein. Das hier behandelte Thema „Zukunft der Fertigung“ war nur eines von mehreren großen Themen, die das Foresight-Team in den vergangenen Jahren behandelt hat. Dazu gehören „Mobilität auf der letzten Meile“, „Wassermanagement“ und „Megacitys der Zukunft“. Das ist aber nur der Anfang, erklärt Andreas Meschede, Innovationsmanager bei thyssenkrupp: „Der Foresight-Prozess geht kontinuierlich weiter, und wir werden in Zukunft sicher weitere Themen hinzufügen.“

Bei der Foresight-Arbeit lädt Andreas Meschede Kollegen aus allen Fachbereichen ein. Einzige Voraussetzungen: eine eigene Meinung und ein gewisser fachlicher Bezug zum Thema.
Bei der Foresight-Arbeit lädt Andreas Meschede Kollegen aus allen Fachbereichen ein. Einzige Voraussetzungen: eine eigene Meinung und ein gewisser fachlicher Bezug zum Thema.

Über den Tellerrand hinausblicken

Ganz zu Beginn der Foresight-Arbeit hatte das Team zunächst 21 Felder identifiziert, auf denen die Experten in Zukunft mit spürbaren Veränderungen rechnen – etwa Energie und Rohstoffe. „In einem Workshop bewerteten unsere Strategie- und die Entwicklungschefs der Geschäftsfelder die Themen zunächst. Im zweiten Schritt verteilten sie Gelder aus einem virtuellen Entwicklungsbudget auf die einzelnen Themen, um so jene Gebiete mit dem größten Einfluss auf die bestehenden Geschäftsfelder zu identifizieren. Die Teilnehmer hatten zudem eine gewisse Summe zu Verfügung, die sie wie ein Risikokapitalgeber in ein ganz neues Gebiet investieren konnten.“Während Produktion und Mobilität die meistgewählten Themen in der ersten Gruppe waren, gewannen Landwirtschaft und Wasser-Management die zweite Gruppe.

Mit klarer Methodik zum Zukunftsszenario

Hinter den einzelnen Szenarios steht eine klare Methodik. „Zunächst bestimmen wir in Workshops die zentralen Einflussfaktoren für ein bestimmtes Thema – in diesem Fall ‚Zukunft der Fertigung‘. Das können weniger als zehn oder 15 einzelne Faktoren sein, darunter beispielsweise Technologie, Ausbildung oder Datenmanagement“, erklärt Andreas Meschede. „Im nächsten Schritt entwickeln wir drei bis fünf verschiedene Richtungen, in die sich jeder dieser Einflussfaktoren – unabhängig von allen anderen – entwickeln könnte. So erhalten wir je nach Zahl der Faktoren mehrere Dutzend Projektionen.“

Diese Projektionen sind die Zutaten für die Szenarien. Was fehlt, ist das Rezept, um sie zusammenzubringen. „Um herauszufinden, welche Projektionen zusammenpassen, müssen wir überprüfen, ob sie jeweils einheitlich sind. Das schaffen wir, indem wir Projektionen paarweise auswerten: Je besser die Übereinstimmung, desto höher stufen wir diese Kombination ein. Dieses Ranking ist die Grundlage mathematische Formeln, mit denen wir aus den vielen Möglichkeiten verschiedene einheitliche ‚Projektions-Pakete‘ extrahieren. Diese sollten sich nicht überschneiden und sollten möglichst breit gestreut sein – auch das ist etwas, das wir berechnen können. Dieser methodische Ansatz unterscheidet unsere Szenarien von bloßen Science-Fiction-Geschichten.“

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