Die Zukunft der Arbeit: Freelancer für virtuelle Cloud-Projekte?

Digitalisierung und Industrie 4.0 | Technologietrends | Wissenswertes | Zukunft der Produktion | Wie wird die Arbeit in ferner Zukunft aussehen? Schwierige Frage, auf die es keine eindeutige Antwort gibt. Aber wir können sagen, wie sie aussehen könnte. In unserem ersten Szenario kümmern sich Unternehmen im Wesentlichen nur noch um die Verwaltung, während Teams aus spezialisierten Freiberuflern die Projektarbeiten via Cloud erledigen.

Seit einer gefühlten Ewigkeit kurven wir nun schon über die Serpentinen des Hochschwarzwalds. Wir sind auf der Suche nach dem legendären weißen Haus von Simon Miles, dem Guru der jungen Entrepreneure. Miles ist eine Ikone des 21. Jahrhunderts: In den 2020er-Jahren war er einer der Ersten, der sich konsequent als freier Erfinder, Entwickler und Designer neuer Produkte selbst vermarktet und auf Projektbasis mit den unterschiedlichsten Firmen gearbeitet hat. Heute, 15 Jahre später, ist Cloud-Working nichts Besonderes mehr. Doch Miles ist immer noch einer der Besten. Wir wollen herausfinden, warum.

Virtuelle Arbeit, virtuelles Büro

Mehrfach hat das Navi unser autonomes E-Taxi in die Irre geführt – vermutlich hatte Miles Spaß daran, eine „fake location“ in die offiziellen Datenbanken einzuschleusen. Am Eingang seines gar nicht so versteckt gelegenen Hauses begrüßt uns ein Geist. Genauer gesagt: ein in der Luft schwebender, halb durchsichtiger, sprechender Kopf mit irritierendem Smiley-Lächeln. Allein diese Demonstration von Miles´ Humor war die ganze Reise wert, doch mehr noch ist es sein Arbeitszimmer. Vor uns liegt ein fast blendend weißer Raum mit einer geschwungenen Fensterfront, die auf transparent geschaltet ist und einen fantastischen Panoramablick auf die Hügel des Schwarzwaldes und den in der Tiefe liegenden See bietet.

Smartphone und Laptop sind die einzigen Werkzeuge, die der Mensch in unserem fiktionalen Cloud-Szenario noch zum Arbeiten braucht – abgesehen vom klassischen Kaffee.
Smartphone und Laptop sind die einzigen Werkzeuge, die der Mensch in unserem fiktionalen Cloud-Szenario noch zum Arbeiten braucht – abgesehen vom klassischen Kaffee.

Die Wände bestehen aus gebogenen Computer-Displays, die aber im Moment nur weiße Oberflächen zeigen. Im Zentrum des Raumes steht ein großer achteckiger, weißer Touchtable, an dem Miles kürzlich gearbeitet hat und der Konstruktionsdetails von Robotern zeigt. In der Mitte des Multifunktionstisches senkt sich gerade langsam ein transparenter Würfel mit einer Kantenlänge von etwa 120 Zentimetern ab – eines dieser Holo-Displays, in denen man lasergesteuert 3D-Objekte frei im Raum schweben lassen kann.

Grenzenlose Projektarbeit in der Cloud

Simon Miles umrundet den Tisch, begrüßt uns und bittet, auf einem ebenfalls weißen Sofa Platz zu nehmen. Das Interview kann beginnen.

thyssenkrupp: Herr Miles, machen Sie tatsächlich alles alleine?

Miles: Wenn mir ein Auftraggeber ein neues Projekt anvertraut, stelle ich gemeinsam mit ihm ein dazu passendes Team zusammen: Designer, Mensch-Maschine-Spezialisten, Produktionsplaner, Logistiker – je nach Bedarf. Dann sitzen wir hier zusammen wie in einem Konferenzraum. Jeder sieht und hört jeden. In Wirklichkeit sind die Kollegen natürlich über die ganze Welt verstreut. Vor uns im Holo-Display sehen wir das virtuelle Produkt oder auch seine Fertigungsumgebung. Hier können wir am digitalen Zwilling alles simulieren: die Funktionsweise, die Herstellung oder wie man das Produkt am besten repariert oder zerlegt.

Arbeit von überall auf der Welt? In der digital vernetzten Arbeitswelt der Zukunft könnte dieser von vielen herbeigesehnte Traum so normal sein wie der heute tägliche Gang ins Büro.
Arbeit von überall auf der Welt? In der digital vernetzten Arbeitswelt der Zukunft könnte dieser von vielen herbeigesehnte Traum so normal sein wie der heute tägliche Gang ins Büro.

Und an was arbeiten Sie zurzeit?

Miles: Es geht um individuelle Kommunikationsroboter für zu Hause. Um Helfer für die vielen alten, einsamen Menschen. Um unterhaltsame kleine Gefährten, die an Termine oder Medikamente erinnern, die 3D-Internetverbindungen mit den Kindern und Enkeln einrichten, die Nachrichten vorlesen oder mit den Senioren auch mal Spiele spielen.

Verraten Sie uns doch Ihr Geheimnis! Warum sind Sie in den ganzen Wettbewerben immer schneller als die Konkurrenz?

Miles: Jahrzehntelange Erfahrung, weltweite Netzwerke mit den besten Partnern und KI-Systeme, die auf meine Bedürfnisse optimiert sind, die wirklich mitdenken und strategisch wertvolle Vorschläge machen. Manchmal merke ich gar nicht mehr, ob ich übers Netz mit einem menschlichen Kollegen oder einer Maschine mit Künstlicher Intelligenz kommuniziere. Und ich bin immer noch so motiviert wie am ersten Tag!

Simon Miles schaut auf die Uhr und wippt mit den Füßen. Wir verstehen: Die kurze Audienz ist beendet. Der Meister muss weiterarbeiten.

Mehr Freelancer als Arbeiter

Auf der Rückfahrt sprechen wir darüber, wie sich die Arbeitswelt in den letzten Jahrzehnten verändert und Figuren wie diesen freien Erfinder hervorgebracht hat. Es begann wohl Ende des 20. Jahrhunderts – damals ging die Zahl der Arbeiter in der Produktion, bei der Rohstoffgewinnung und in der Landwirtschaft dramatisch zurück, während der Anteil der einfachen Dienstleister und der Wissensarbeiter deutlich wuchs. Heute, in den 2030er-Jahren, stehen einem fest angestellten Firmenmitarbeiter nicht selten fünf bis zehn Freelancer oder Mitarbeiter von spezialisierten Dienstleistungsunternehmen gegenüber.

Auch die Unternehmen haben sich radikal gewandelt. Längst sind sie virtuell organisiert und dadurch hochflexibel. Sie kümmern sich im Wesentlichen nur noch um die „Verwaltung“ und darum, den vielen Freelancern eine Plattform zur Verfügung zu stellen. Alles andere erledigen Menschen wie Simon Miles – freie Dienstleister, die nur nach ihren Ergebnissen bezahlt werden. Umso mehr sind darum Kreativität und eine geschickte Selbstvermarktung gefragt, was keiner so gut beherrscht wie unser berühmter Interviewpartner. Die Menschen scheinen das nicht nur zu akzeptieren, sondern sogar zu schätzen: Sie haben zwar eine hohe Arbeitsbelastung, können aber selbstbestimmt arbeiten und sind sozial hoch angesehen.

So individuell wie die Erfinder sind heute auch ihre Schöpfungen. Die Kunden wollen individuelle Produkte, die sich dank einer vollautonomen und intelligenten Produktionstechnik auch wirtschaftlich herstellen lassen. Die Cloud und weltweite IT-Standards sorgen dafür, dass die ständig zunehmende Komplexität beherrschbar bleibt – auch hier hat sich die Plattform-Idee durchgesetzt. Erst dadurch können Genies wie Simon Miles zu ihren kreativen Höhenflügen starten und die Konsumenten immer wieder in Erstaunen versetzen.

Die Zukunft der Arbeit – ein Foresight-Projekt von thyssenkrupp

Unser hier gezeigtes Szenario der cloud-basierten Arbeit ist nur eine mögliche Zukunftsvision unserer Arbeit. Im Rahmen unseres Foresight-Prozesses haben unsere Experten Entwürfe ganz unterschiedlicher Zukünfte entwickelt. Sie beschreiben Welten, die genauso eintreten könnten. Das heiß nicht, dass sie genauso eintreten werden. Es ist auch nicht so, dass unser aus vielen verschiedenen Fachexperten bestehende Foresight-Team bestimmte Szenarien bevorzugen würde. Wichtig ist ihnen allein, dass wir verstehen, was werden könnte – um unsere Zukunft aktiv zu gestalten.

Andreas Meschede verfolgt eine klare Mission: unsere Zukunft vorzudenken – und das Verständnis seiner Kollegen für den ständigen Wandel zu schärfen.
Andreas Meschede verfolgt eine klare Mission: unsere Zukunft vorzudenken – und das Verständnis seiner Kollegen für den ständigen Wandel zu schärfen.

„Was können wir heute anders machen, um in Zukunft erfolgreich zu sein?“

Die Komfortzone verlassen und über den Tellerrand hinausblicken: Dazu lädt der Foresight-Prozess ein. Für Andreas Meschede, Innovationsmanager bei thyssenkrupp, sind dabei entworfenen Szenarien viel mehr als nur Science-Fiction-Geschichten: „Alle geschilderten Inhalte sind technisch möglich und in sich widerspruchsfrei. Darauf haben wir bei der strukturierten Erstellung der zugrunde liegenden Szenarien geachtet. Außerdem ist eine solche Story nur eine bestimmte Darstellungsform unserer Ergebnisse – allerdings eine Darstellungsform, die besonders dazu einlädt, in diese Welten der Zukunft einzutauchen.“ Die Ergebnisse nutzt thyssenkrupp zum Beispiel für Ideen-Workshops. Dort treffen sich Vertreter aller Geschäftsfelder und unterschiedlichster Funktionen – etwa aus der Technik, dem Marketing oder der Personalabteilung. „Im Mittelpunkt steht die Frage: Was muss thyssenkrupp heute anders machen, um in der Szenario-Welt der Zukunft erfolgreich sein zu können?“, erklärt Andreas Meschede. „Bis jetzt sind dadurch etwa 80 Ideen entstanden, von denen wir uns zwölf bereits genauer angesehen haben.“

Um im Team die Art zu denken gezielt zu hinterfragen, scheut es Andreas Meschede nicht, die Teilnehmer zu irritieren, zu inspirieren und auch spielerische Elemente einzusetzen.
Um im Team die Art zu denken gezielt zu hinterfragen, scheut es Andreas Meschede nicht, die Teilnehmer zu irritieren, zu inspirieren und auch spielerische Elemente einzusetzen.

Das alles ist aber nur ein erster Schritt. Ziel des Foresight-Teams ist es, die Szenarien auf breiter Front und in allen Unternehmensbereichen nutzen, darunter auch für Diskussionen mit Kunden und Lieferanten. Entscheidend für den Foresight-Manager? „Dass wir durch diese Methode immer wieder unsere Komfortzone verlassen und kreativ in die Zukunft denken.“

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