„Die Barriere ist durchbrochen“

Sarah Ungar kennt bei den beiden thyssenkrupp-Gesellschaften thyssenkrupp Uhde Engineering Services und Uhde Inventa-Fischer wirklich jeder. Zum einen, weil sie dort als Personalleiterin bzw. Personalverantwortliche für alle Belange in Sachen Mitarbeiter zuständig ist. Zum anderen, weil sie vor nicht allzu langer Zeit noch als „Herr Ungar“ aufgetreten ist. Fast 30 Jahre hat sie mit sich gerungen, dann hat sie den Schritt gewagt: Sie hat sich geoutet. Ihren Vorgesetzten und Kollegen mitgeteilt, dass sie ab sofort als das leben und arbeiten möchte, was sie ist: als Frau. Keine leichte Sache, schon gar nicht für jemanden, der eine Führungsposition innehat. „Als Betriebswirtin bin ich da ganz strukturiert vorgegangen und habe eine Liste mit Personen aus meinem engsten beruflichen Umfeld erstellt“, sagt Sarah Ungar. „Zuerst habe ich jene eingeweiht, bei denen mit Unterstützung zu rechnen war. Die schwierigeren Gespräche kamen zum Schluss.“ Ihre Vorgesetzten, die Führungskräfte und einige der weiteren rund 400 Mitarbeiter der beiden thyssenkrupp-Gesellschaften, für die sie tätig ist, informierte sie persönlich. Diejenigen, die es nicht direkt von ihr erfahren haben, wurden entweder von den Führungskräften informiert oder haben auf anderem Wege erfahren. Die Reaktionen: meist neutral bis positiv. Es gab aber auch Kollegen, die ihren Kontakt danach deutlich einschränkten. „Wer sich outet, sollte nicht mit Jubel rechnen“, sagt die Personalerin. Wohl aber mit Akzeptanz und Respekt.

Sarah Ungar bei thyssenkrupp

Für ein offenes Arbeitsumfeld
Davon ist die Gesellschaft noch weit entfernt. Experten zufolge trauen sich mehr als 50 Prozent der Betroffenen nicht, sich im Job zu outen. „Auch heute sind Homo- und Transphobie an der Tagesordnung, erfahren Menschen, die vermeintlich anders sind, am Arbeitsplatz offene wie auch verdeckte Diskriminierung“, sagt Albert Kehrer von der PROUT AT WORK. Die Organisation setzt sich für die Belange von lesbischen, schwulen, bisexuellen, transsexuellen und intergeschlechtlichen Menschen ein. Sie hat „PROUTEMPLOYER“ entwickelt, ein Programm, das Unternehmen auf ihrem Weg in ein offenes Arbeitsumfeld unterstützt – mit Veranstaltungen, Weiterbildungen und Coachings. thyssenkrupp ist seit Mai 2016 Teil des Netzwerks, dem zahlreiche namhafte Konzerne in Deutschland angehören. „Wir sind ein Unternehmen, das die Vielfalt seiner Mitarbeiter schätzt und fördert. Dazu gehört eben auch, dass die sexuelle Orientierung keine Rolle spielt“, sagt Oliver Burkhard, Mitglied des Vorstands und Arbeitsdirektor bei thyssenkrupp.

Aktiv im LGBTI-Netzwerk
Ein starkes Signal, findet Sarah Ungar und hofft, dass sich dadurch weitere Kolleginnen und Kollegen für ein Outing am Arbeitsplatz entscheiden. „Seitdem ich selbst den Schritt gewagt habe, ist der Umgang im Team insgesamt viel lockerer geworden. Die Barriere ist durchbrochen“, sagt die Managerin. Inzwischen ist sie im LGBTI-Netzwerk für lesbische, schwule, bisexuelle, trans- und intersexuelle Mitarbeiter aktiv, das im Januar 2016 bei thyssenkrupp gegründet wurde. Im Mai beteiligte sich die Gruppe am ersten internen Diversity Day und plant für 2016 weitere Aktionen, zum Beispiel eine Podiumsdiskussion mit Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. 2017 ist dann die Teilnahme auf dem Christopher Street Day in Köln geplant – gemeinsam mit Oliver Burkhard. „ Mir geht es bei meinem Engagement gar nicht darum, im Rampenlicht zu stehen“, sagt Sarah Ungar. „Ich möchte einfach eine unter vielen sein, durch Sichtbarkeit Vorurteile abbauen und gegenseitige Akzeptanz fördern.“

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2 Kommentare

  1. Robin Zimmermann | 23.08.2016

    Eine gute und Mut machende Geschichte. Ich mag vor allem das Zitat im letzten Satz des Beitrags, denn darum geht es am langen Ende …

  2. Lila Charline Lodny | 01.09.2016

    Sehr schön weiter so habe deinen Bericht in de Süddeutsche gelesen, toll wie sich dein Betrieb verhalten hat hätte ich mir auch so gewünscht. Ich bin bei der Deutschen Oper am Rhein und habe immer noch Hürden zu bewältigen.
    Ich möchte nur Akzeptanz